Tintenfässchen | Kann ein Roman ohne Liebe funktionieren?

 

Meine lieben Weltenbummler,
heute möchte ich mich im Tintenfässchen einem Phänomen bzw. einer Emotion widmen, die die Literatur wie kaum eine zweite durchzieht: der Liebe. Geliebt zu werden ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Vielleicht gibt es deshalb so viele begeisterte Liebesromanleserinnen und -Leser, die sich auch gern sonntagabendlich in bester pilchermanier für eineinhalb Stunden aus ihrem Alltag in eine heile Welt entführen lassen.

Eines vorweg: Ich habe nichts gegen Romanzen und Liebe in Büchern, sofern sie nicht den Kern der Handlung bilden. Wenn es von Seite 1 an nur darum geht, wann sich die Charaktere endlich kriegen (am besten noch in einer klassischen Dreiecksbeziehung mit einem glitzernden Vampir), dann kann ich damit wenig anfangen. Genau so wenig wie mit vor Zuckerguss triefenden „Schnulzen“. Dabei möchte ich diese Art der Literatur gar nicht abwerten. Jedes Genre hat seine Berechtigung und seine Fans. Es ist eher so, dass ich gerade Liebesromanautorinnen und – autoren dafür bewundere, dass sie so federleicht erzählen, dass man sich über das ganze Buch hinweg einfach wohlfühlen muss. Ein gutes Beispiel ist hierfür sicherlich Das Päckchen von J. Vellguth.

Aber wie viel Liebe braucht ein Roman? Kann ein Roman überhaupt ohne Liebe funktionieren? Um diese Frage zu beantworten, nehme ich euch mit auf einen Streifzug durch die Welt aus Tinte und Papier – und zeige euch verschiedene Formen der Liebe.

All you need is love?! Über die Liebe in der Literatur

Was ist Liebe? Auf den ersten Blick scheint diese Frage leicht zu beantworten zu sein: Liebe ist, sich zu jemanden hingezogen zu fühlen. Auf den zweiten Blick, ist diese Frage gar nicht so leicht zu beantworten. Was steckt denn überhaupt hinter diesem Gefühl? Bloße Chemie bzw. Biologie? Oder doch mehr, etwas, das wir vielleicht gar nicht erklären und schon gar nicht verstehen können?

In „Nevernight“ erzählt Jay Kristoff eine fesselnde Rachegeschichte in einem epischen Fantasy-Setting.

Liebe ist jedenfalls eine starke Empfindung – und ein starker Antrieb. Sie bringt Menschen dazu, zu agieren, und kann damit auch als Motor für den Plot fungieren.

Darauf beruhen auch die Anfänge der westeuropäischen Literatur um 750 v. Chr. In der Ilias schildert Homer den Kampf um Troja. Nachdem Paris die schöne Helena entführte, will deren Ehemann sie natürlich zurückholen und bricht mit einer gewaltigen Flotte gen Troja auf. Unter den Kriegern ist auch Achill, der im Fokus der Erzählung steht. Besser gesagt: Es ist sein Zorn, um den sich alles dreht. Denn Achill ist wütend und gekränkt, dass sein Heerführer ihm seine Beutefrau streitig gemacht hat. Aber nicht, weil er sie liebt. Sondern weil sein übergroßes Ego (Selbstliebe) verletzt ist. Schmollend zieht er sich aus dem Kampfgeschehen zurück – und bringt seine eigenen Leute so in große Gefahr.

Liebe kann also in eine Reihe negativer Emotionen umschlagen. Zuneigung, die nicht erwidert wird, kann sich nicht nur in Liebeskummer, sondern auch in Wahn verwandeln. Der Tod eines geliebten Menschen kann den Wunsch entfachen, Rache zu nehmen, so wie in Jay Kristoffs Nevernight.

Wenn der andere das Wichtigste ist

Liebe bringt Menschen auch dazu, sich für etwas einzusetzen. Manchmal treibt sie jemanden sogar so weit, sich für einen anderen, für andere oder für eine Sache zu opfern.

Ein klassisches Beispiel ist hier sicherlich der Krieger aus unzähligen High Fantasy Epen, der sich – das Schwert in der Hand – aufmacht, seine Heimat und seine Lieben gegen den Antagonisten zu verteidigen. Dabei wird der Kampf gegen die Unterdrückung, für die Freiheit und seine Mitmenschen oft als ehrenvolles Ziel stilisiert.

Zum Stichwort Aufopferungsbereitschaft fällt mir sofort auch Harry Potter von Joanne K. Rowling ein. Die Liebe seiner Eltern, die sich gegen Voldemort stellen, um ihren Sohn zu schützen, rettet Harry das Leben – und führt wiederum dazu, dass sich unser Lieblingszauberlehrling dem Kampf gegen die dunklen Mächte stellen kann.

Doch Harry wird während seines gesamten Abenteuers noch eine andere Form der Liebe zuteil: Freundschaft. Egal, wie gefährlich und aussichtslos die Lage auch sein mag: Immer weiß er Ron und Hermine an seiner Seite. Die drei stehen zueinander, wissen, dass sie sich blind auf den anderen verlassen können.

Eines der schönsten Beispiele einer Spielart der Liebe findet sich meiner Meinung nach in Tolkiens der Herr der Ringe. Sam, der die meiste Zeit über eher wie ein Anhängsel des Fellowship wirkt, mausert sich nach und nach zum heimlichen Helden der Reihe. Frodo und ihn verbindet eine tiefe Freundschaft, die sich von Sams Seite aus vor allem auch durch Loyalität und Bewunderung auszeichnet. Er würde alles für den anderen Hobbit tun, sich für ihn aufopfern und ihn sogar den Schicksalsberg herauftragen, damit der andere seine Aufgabe erfüllen kann. Wenn das kein Beweis für Liebe ist, dann weiß ich auch nicht.

Sam und Frodo aus dem Herrn der Ringe verbindet eine besondere Form der Liebe

Ein Roman ohne Liebe – geht das?

Meiner Meinung nach kann es keinen Roman ohne Liebe geben. Damit ist nicht zwingend eine romantische Liebe gemeint, die auch nicht zwingend im Fokus der Handlung stehen muss. Doch Liebe und ihre unterschiedlichen Formen – sei es im positiven wie im negativen – sind solch starke Emotionen, dass sie gut geeignet sind, eine Handlung zu initiieren oder dem Plot eine entscheidende Wendung zu geben. Die oben angeführten Beispiele zeigen das ganz gut.

Dabei bietet das Thema noch einen weiteren Vorteil: Liebe, Empfindungen generell sind Erfahrungen, die alle Menschen teilen. Sie bereichern eine Erzählung, denn sie machen sie lebendig und echt.

Sicherlich kann man das Themenfeld „Liebe“ noch aus weiteren Perspektiven betrachten und viel mehr darüber schreiben. Das würde allerdings den Rahmen dieses Beitrags sprengen.

Welche Form der Liebe, die euch in Büchern begegnet ist, ist euch besonders im Gedächtnis geblieben? Ich freue mich auf eure Antworten und Kommentare. :)

Wir lesen uns,
Eure Anna


Das Tintenfässchen ist die Beitragsreihe rund ums Schreiben. Hier findet ihr nicht nur Handwerkszeug und Tipps, sondern erhaltet auch einen Einblick in mein persönliches Tintenfässchen. Alle Beiträge sind als Anregungen gedacht. Vielleicht könnt ihr aus ihnen ja auch etwas für euren eigenen Schreibprozess und eure Geschichten mitnehmen. :)

[Rezension] Katelyn Erikson – Meeresgold. Versprechen der See | historische Abenteuerromanze

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„Der Duft von Meerwasser stieg mir in die Nase. Warmer Atem strich über meinen Nacken (…). Zitternd schloss ich meine Augen und wusste, dass es vorbei war. Mein Leben war zu Ende, noch ehe es richtig beginnen konnte.“ 

(Katelyn Erikson, Meeresgold, Ebook S.16)

Piraten, der Ozean, Abenteuer und Romantik – all das sind die Zutaten, aus denen Katelyn Erikson ihren Roman Meeresgold. Versprechen der See strickt.

Auf einen Blick:

 

 

Titel: Meeresgold. Versprechen der See
Autorin: Katelyn Erikson
Verlag: Eisermann Verlag
Seiten: 320
Format: Taschenbuch/E-Book
Preis: 12,90 €/ 3, 99€
Erscheinungsdatum: 13. Juli 2018
Genre: historischer Liebesroman

 

Darum geht’s

Heiraten, Kinder kriegen und die brave Gattin spielen – unter der strengen Hand ihrer Eltern hat Lucia es nicht leicht. Gefangen in den Zwängen der Gesellschaft soll sie einen Mann heiraten, den sie noch nie gesehen hat. Als mitten in der Zeremonie Piraten die Hochzeit überfallen, findet die junge Braut sich im Auge des Sturmes wieder.

Entführt von den Feinden ihres Vaters steht Lucia nur der Sohn des Käptn’s zur Seite. Benjamin soll ihr Leben schützen, während er zwischen blutigen Kämpfen und der tosenden See seine eigenen Pläne verfolgt. Allerdings hat er nicht damit gerechnet, dass der Schlüssel zu seiner Rache sein Herz im Sturm erobert …

(Quelle: Eisermann Verlag)

Das Buch

Wenn ich Katelyn Eriksons Schreibstil beschreiben sollte, dann würde ich ihn am ehesten als locker, gefällig und humorvoll beschreiben. Genau richtig also für eine Abenteuerromanze, wie sie sie in Meeresgold erzählt.

Im Fokus des Romans steht die Ich-Erzählerin Lucia. Sie ist die Tochter eines einflussreichen Gouverneurs, doch ihr Leben ist nicht so paradiesisch, wie es auf den ersten Blick anmuten mag. Zu ihren Eltern pflegt sie ein schwieriges, unterkühltes Verhältnis, fühlt sich von ihren Erwartungen unter Druck gesetzte und in einen goldenen Käfig gesperrt. Da kommt es ihr eigentlich gar nicht so ungelegen, dass sie ausgerechnet am Tag ihrer arrangierten Hochzeit von Piraten entführt wird.

„Es war ihnen schwer gefallen, einen Mann zu finden, der auf eine Mitgift verzichtete und stattdessen gewillt war, eine angemessene Brautgabe für mich zu leisten. Alles andere hatte keine Relevanz, schließlich wollte der hohe Lebensstandard meiner Eltern bezahlt werden.“

(Katelyn Erikson, Meeresgold, EBook S.5)

Unter ihnen ist auch Ben, der Sohn des Kapitäns und weiterer Perspektivträger. Dass er dazu verdonnert wird, auf Lucia aufzupassen, schmeckt ihm ganz und gar nicht. Mit ihm stellt die Autorin ein Love Interest vor, bei dem schmachtende Leserinnen garantiert sind. Daher braucht es gar nicht viele Seiten bis klar wird: Zwischen Ben und Lucia wird es ordentlich funken.

Und das tut es auch – aber nicht nur im romantischen Sinne. Mit der Zeit an Deck entwickelt sich Lucia mehr und mehr zu einer toughen, selbstbewussten Frau. Zu einer Piratin, die auch unter der Crew Anerkennung findet – und Ben Paroli bietet. Wie es sich für eine gute Romanze gehört, brauchen Ben und Lucia ewig bis sie sich eingestehen können, dass sie für den anderen mehr empfinden als gut für sie und ihnen lieb ist. Es knistert und funkt. Man hasst sich, zankt sich und kommt sich näher. Das alles schildert die Autorin zwar charmant, aber das ein oder andere Geplänkel wirkt dann doch etwas bemüht.

„Ich bin ein Pirat, ein Freibeuter. Mein Herz gehört der See und nicht irgendeinem dahergelaufenen Weib.“

(Katelyn Erikson, Meeresgold, EBook S.70)

Bemüht wirken auch die Versuche, Lucias Lage vor allem am Anfang als besonders bedrohlich darzustellen. Erikson greift dabei auf einige altgediente Motive zurück, die man typischerweise mir Piraten verbindet. Da ist die Möglichkeit einer drohenden Vergewaltigung, die nahezu in jedem Kapitel angeschnitten wird und irgendwann ihren Schrecken verliert. Da sind die saufenden, raufenden, stinkenden und hurenden Piraten, die Lucia als bloßes Objekt ihrer Begierden betrachten. Außer Ben und seine Männer natürlich. Denn Ben ist es auch, der Lucia wie ein Held in strahlender Rüstung zu Hilfe eilt. Und das nicht nur einmal. Für meinen Geschmack auch etwas zu oft.

„Schwäche war mein Grab, Selbstmitleid der Untergang.“

(Katelyn Erikson, Meeresgold, EBook S.43)

Die Charaktere bleiben – einschließlich Lucia – blass und agieren entweder schablonenhaft oder überzogen. Dennoch gelingt es dem Roman, einen Sog zu entwickeln, der mich nicht mehr losgelassen hat. Das Hin und Her der Gefühle und die Geschichte drumherum sind durchaus spannend, wenn auch absolut vorhersehbar. Die ein oder andere Kampfszene sorgt für Nervenkitzel.

Neben der Vorhersehbarkeit der Handlung gibt es für mich noch zwei weitere handwerkliche Schnitzer, die den Gesamteindruck des Romans für mich deutlich getrübt haben. Nicht nur, dass Motive  wiederholt werden, auch Begriffe oder ganze Sätze werden wiederholt. (Dabei sollte es auffallen, wenn binnen fünf Zeilen mindestens genau so oft das Wort „reißen“, „Arme“ und „Rücken“ wiederholt wird.) Ziemlich ermüdend.  Zudem scheint die Autorin den Wunsch verspürt zu haben, die Rauheit der Piraten an einigen Stellen durch besonders derbe Formulierungen und zu charakterisieren. Diese heben sich leider negativ ab, da sie absolut unpassend und gewollt scheinen.

„So ungern ich es auch zugab, so sehr sich dieses Verhalten auch nicht schickte, ich genoss es. Tatsächlich stellte dieses Neue und Unsittliche eine interessante Erfahrung dar.“

(Katelyn Erikson, Meeresgold, E-Book, S. 67)

Zum anderen nutzt die Autorin Begriffe, die aus der Zeit fallen. Vor allem im ersten Kapitel verwendet Erikson viel Mühe darauf, mittels Details und Wortwahl eine stimmige Atmosphäre zu kreieren, die den Geist der Zeit der Piraten wunderbar einfängt. Wenn dann Gefühle plötzlich „Achterbahn fahren“ oder jemand „trainiert“ ist, dann zerstört das die historische Illusion – und die Atmosphäre.

Für Atmosphäre sorgen jedoch die detailverliebten Zeichnungen, die in unregelmäßigen Abständen Szenen aus dem Roman in Bildern bannen. Und das so stimmungsvoll, dass das Herz jedes Bibliophilen höherschlägt. Stimmungsvoll ist auch die finale Szene des Romans. Ihre Magie und Poesie hätte ich mir für den ganzen Roman gewünscht.

Fazit

Meeresgold. Versprechen der See ist eine historische Abenteurromanze, die das Genre nicht neu erfindet. Ein blasses Heldenpaar zwischen dem die Chemie stimmt inmitten eines vorhersehbaren, oft uninspirierten Plots, der mit gängigen Piratenklischees gespickt ist. Dennoch unterhaltsam geschrieben.

 Vielen Dank an den Eisermann Verlag, der mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt und mir die Teilnahme an der Leserunde auf Lovelybooks ermöglicht hat. :)

[Rezension] Janna Ruth – Im Bann der zertanzten Schuhe

[unbezahlte Werbung]

„Klar, du bist nur ein Prinz und eine Hexe hat dich verflucht. Und nun fesselt dich ein Turntable an einen Luxusschuppen. (…) Ich habe wirklich keine Ahnung, warum du mir solche Märchen auftischst.“

(Janna Ruth, Im bann der zertanzten schuhe, Ebook S.32)

Heute wird es märchenhaft: Mit Im Bann der zertanzten Schuhe legt Janna Ruth eine erfrischend moderne Märchenadaption vor. Treibende Bässe, der Zauber der Musik – und viel mehr Tiefe, als ich erwartet hätte.

Auf einen Blick:

 

Titel: Im Bann der zertanzten Schuhe
Autorin: Janna Ruth
Selfpublishing: Märchenspinnerei
Seiten: 316
Format: Taschenbuch/E-Book
Preis: 12, 95€/ 3,99€
Erscheinungsdatum: 13. Juni 2017
Genre: moderne Märchenadaption/Romance

Bildrechte liegen bei der Märchenspinnerei

 

Darum geht’s

Ein verborgener Hain
Ein verfluchter Prinz
Ein Paar zertanzter SchuheVor drei Jahren ist Jonas aus dem Krieg heimgekehrt und doch scheint es, als wäre er nie zuhause angekommen. Ziellos durch die Straßen schweifend, trifft er einen alten Mann, der ihm von den Wundern des DeModie erzählt, einem verwunschenen Reich im Herzen des Nachtlebens. Unzählige Reichtümer und Schätze erwarten ihn dort, doch, was Jonas wirklich verzaubert, ist die lebensfrohe Tänzerin Sophie, die ihn mit ihrem Lachen ansteckt. Jede Nacht tanzt Sophie mit ihrem Prinzen und jede Nacht zerreißen ihre Schuhe ein klein wenig mehr, und mit ihnen das Geheimnis, welches das DeModie und seine Bewohner umgibt.
Die zertanzten Schuhe mal anders. Im Bann eines verzauberten Tanzes spinnt die Autorin Janna Ruth märchenhafte Elemente der Brüder Grimm zu einer modernen Fabel über das glitzernde Nachtleben, zerbrochene Träume und verlorene Seelen.
5. Band der Märchenspinnerei

(Quelle: Märchenspinnerei)

Das Buch

Im Bann der zertanzten Schuhe ist ein Roman aus der Märchenspinnerei, einer Gruppe von Autorinnen, die sich zusammengetan und im vergangenen Jahr damit begonnen haben, nahezu monatlich eine neue Märchenadaption zu veröffentlichen. Vorlage für Janna Ruths Erzählung ist das Märchen von den zertanzten Schuhen, das ich bislang noch nicht kannte. Über die Herausforderungen, die eine Adaption eines solchen Stoffes mit sich bringt, und darüber, welche Elemente des Märchens es schließlich in den Roman geschafft haben, gibt die Autorin in * diesem Artikel * Auskunft.

Der Roman wird abwechselnd aus der Sicht zweier Protagonisten erzählt. Da ist zum einen Sophie, eine leidenschaftliche Balletttänzerin, die ihren Traum von der großen Bühne nach einem schweren Schicksalsschlag an den Nagel gehängt hat. Tanzen, sich völlig der Musik hinzugeben, ist ihre Leidenschaft – und ihr gehören auch die titelgebenden zertanzten Schuhe, zu denen sie eine ganz besondere Verbindung hat.

Zum anderen begleiten wir auch Jonas, einen ehemaligen Soldaten, dem nach seinem Einsatz in Afghanistan eine posttraumatische Belastungsstörung schwer zu schaffen macht. Da Sophie jede Nacht verschwindet, ist ihr Vater in großer Sorge. Deshalb beauftragt er Jonas damit, herauszufinden, wo sich seine Tochter nachts herumtreibt.

Und dem Ort, dessen besonderen Zauber Sophie erlegen ist, konnte auch ich mich nicht entziehen.

„‚Was ist das für ein Club?‘ (…)

‚Oh, der schönste Ort auf Erden, reicher als jede Schatzkammer und voller Freuden.‘ Sehnsüchtig sah der Mann zu dem Club, bevor er ihm den Blick wieder zuwandte. ‚Und der kälteste.‘“

(Janna Ruth, im bann der zertanzten schuhe, EBook S.10)

Die Rede ist vom DeModie, einem ganz besonderen und wahrhaft märchenhaften Club. In schwelgerischen Bildern gelingt es Janna Ruth, das DeModie vor meinem inneren Auge lebendig werden zu lassen. Die Beschreibungen und die ganz besondere Atmosphäre, die dort herrscht, hat mich von der ersten Silbe an in ihren Bann geschlagen. Doch im Laufe der Erzählung wandelt sich der Eindruck, den das DeModie erweckt. Die Atmosphäre wird düsterer, bedrohlicher. Nach und nach beginnt der Club eine beinahe schon morbide Faszination auszustrahlen.

Dort begegnet Sophie einem waschechten verwunschenen Prinzen. Einem Prince Charming, wie er im Buche steht: Attraktiv und galant, der nur Augen für sie zu haben scheint.

„Ihre Liebe war das, wovon sie schon immer geträumt hatte: Die einzig wahre, für die es sich lohnte, alle Strapazen auf sich zu nehmen.“

(Janna Ruth, im bann der zertanzten schuhe, EBook S.84)

Sophie ist völlig hingerissen von ihrem Prinzen, mit dem sie die Nächte durchtanzt. Manchmal hätte ich sie gern packen und schütteln wollen, denn sie treibt nicht nur sich durch ihre Blindheit und Naivität bis zum Äußersten, sondern bemerkt nicht einmal, wie sehr sie die Menschen um sich herum mit ihrem Verhalten verletzt. Auch Jonas.

Einfühlsam und beklemmend zugleich schildert Janna Ruth, wie Jonas mit seiner Krankheit zu kämpfen hat und mit allem, was er aus dem Kriegseinsatz wieder mitbrachte. In diesen Szenen, den schrecklichen Visionen, den Erinnerungen, die ihn nicht mehr loslassen wollen, gewinnt der Roman eine Tiefe, mit der ich nicht gerechnet habe. Anfangs habe ich mir von dieser Märchenadaption nette Unterhaltung versprochen, etwas, das beim Lesen ein gutes Gefühl macht. Doch Im Bann der zertanzten Schuhe ist so viel mehr als nur eine nette Geschichte.

Die Figuren – allen voran Jonas – überzeugen durch ihre authentische Zeichnung. Ich war nicht die ganze Zeit über ein Fan von Sophie, habe aber immer darum gebangt, dass es wenigstens für Jonas gut ausgeht.

Auch sprachlich konnte mich der Roman auf ganzer Linie überzeugen. Die Autorin schreibt so schwärmerisch, so flüssig … vor allem die Beschreibungen der Klänge und Melodien sind so unglaublich gelungen, dass ich mich oft gefühlt habe, als spiele die Musik zwischen den Zeilen.

„Die Klänge waren nahezu ätherisch, aber jeder Ton schlug eine andere Saite in ihm an und brachte seine Nerven zum Vibrieren. Der Bass dröhnte in seinem Magen und er konnte sich kaum des Drangs erwehren mitzuwippen.“

(Janna Ruth, im Bann der zertanzten schuhe, EBook S.23)

Der Roman konnte mich wirklich begeistern. Er ist defintiv eine Empfehlung für Janna ruht und die Märchenspinnerei – und völlig zurecht auf der Longlist des Seraph, des Phantastikpreises der Leipziger Buchmesse, der in diesem Jahr zum ersten Mal auch in der Kategorie Bester Independent-Titel vergeben wird.

Fazit

Im Bann der zertanzten Schuhe ist eine zauberhafte moderne Märchenadaption. Eine Geschichte über die Liebe zur Musik und zum Tanzen, die nicht nur zum Träumen einlädt, sondern auch mit viel Tiefe und Fingerspitzengefühl überraschen kann.

 Über die Autorin

Im vergangenen Jahr ist neben Im Bann der zertanzten Schuhe auch Janna Ruths Debütroman Tanz der Feuerblüten erschienen. Mit diesem konnte sie bei der Übersinnlich-Ausschreibung des Ueberreuter Verlags einen Platz auf dem Siegertreppchen ergattern.

 

[Rezension] Maya Shepherd – 50 Tage: Der Sommer meines Lebens

[unbezahlte Werbung]

„Mit dir ist jeder Tag wie ein Kapitel in einem Buch, das noch lange nicht vorbei ist. (…) Es ist die Geschichte des besten Sommers meines Lebens.“

(MaYA Shepherd, 50 Tage – der Sommer meines Lebens, S. 115)

Die Route 66. Grenzenlose Freiheit. Der Duft von Abenteuer. Und ein Roadtrip, der nicht nur ein Leben verändert. Das alles steckt in 50 Tage – Der Sommer meines Lebens – und noch viel mehr.

Auf einen Blick:
Titel: 50 Tage – Der Sommer meines Lebens
Autor: Maya Shepherd
Verlag: Sternensand Verlag
Seiten: 472
Format: Taschenbuch/E-Book
Preis: 12,95€/6,99€
Erscheinungsdatum: 30.6.2017
Genre: Romance, Young Adult (empfohlen ab 12)

Bildrechte liegen beim Verlag

 

Klappentext
Der Sommer 1965 ist der letzte vor Jades 18. Geburtstag. Die Beatles regieren die Charts, Blue Jeans erobern den Modehimmel und Jade erwischt ihren Freund dabei, wie er ihre beste Freundin Katie küsst. Ihre Welt zerspringt in tausend Teile und der Sommer scheint ins Wasser zu fallen. Jades Eltern haben überhaupt kein Verständnis für den Liebeskummer ihrer Tochter und bestehen darauf, dass sie trotz allem gemeinsam mit Katie in das bereits gebuchte Feriencamp fährt. Doch Jade schmiedet eigene Pläne. Sie lässt sich auf einen abenteuerlichen Roadtrip ein, um vor ihren Problemen davonzulaufen. Nicht ahnend, dass die große Liebe bereits an der nächsten Kreuzung auf sie wartet. Ein Sommer voller Träume, Hoffnungen und Herzklopfen entlang der Route 66 beginnt, bis sich ihr das Schicksal mit aller Macht in den Weg stellt …  (Quelle: Sternensand Verlag)

Schon im Prolog spürt man diese ganz besondere Atmosphäre, die dem legendären Highway der Route 66 zu eigen ist, diesem Sehnsuchtsort, der für viele der Inbegriff grenzenloser Freiheit ist.

Entlang dieser Straße führt auch der Weg der Ich-Erzählern Jade, die uns mitnimmt auf eine Reise, die nicht nur ihr Leben für immer verändern wird. Per Anhalter geht es für sie quer durch die USA, zu den Amish, auf eine Farm, ins schillernde Las Vegas – das alles gepaart mit einem wahnsinnig charmanten Sixties-Flair.

Die besondere Stimmung des Romans hat mich sofort für sich gewonnen. Auch wenn der Prolog andeutet, wie Jades und Jasons Reise enden wird, ist der Roman bittersüß, federleicht, sehnsüchtig, manchmal melancholisch und zugleich lebensbejahend.

In einem lockerleichten, amüsanten, aber auch ernsten Ton versteht die Autorin es, Jades Geschichte zu erzählen. Jade ist eine sympathische Protagonistin und ich muss gestehen, dass ich mich in vielerlei Hinsicht in ihr wiedererkannt habe.

Zwischen Jason und ihr stimmt die Chemie, auch wenn es am Anfang Reibereien gibt (aber gerade das macht die Liebe doch so spannend, oder?). Auf den ersten Blick ist der Typ mit dem schwarzen Mustang Cabrio ein Bad Boy, ein waschechter Draufgänger, doch er hat einen nicht minder weichen Kern.

Maya Shepherd gelingt es, Jades Gefühle nachvollziehbar und nachempfindbar zu machen. Man lacht, bangt und weint mit ihr. Liebe, Angst, Verletztheit, Unsicherheit, Zweifel – die ganze Bandbreite menschlicher Empfindungen steckt in Der Sommer meines Lebens. Manchmal hätte es für meinen Geschmack aber ruhig etwas weniger kitschig und tränenreich sein dürfen, obwohl eine Sommerlektüre an einigen Stellen gern auch mal seicht(er) sein darf. ^^

Der Sommer meines Lebens ist ein Roman über das Erwachsenwerden. Darüber mutig zu sein und darüber, aus seinen starren Vorstellungen auszubrechen und etwas Neues zu wagen. Maya Shepherd wirft zwischen den Zeilen Fragen auf, die sich wohl jeder von uns stellt: Habe ich den richtigen Weg eingeschlagen? Was bedeutet Glück für mich? Und was will ich wirklich? Der Roman hat etwas Besonderes geschafft: Beim Lesen habe ich auch viel über mich gelernt.

Fazit
Der Sommer meines Lebens ist eine angenehme Sommerlektüre. Flirrend wie die Sommerhitze, belebend wie warmer Sommerregen. Manchmal driftet die Geschichte in seichte Gewässer ab, aber der unbeschwerte Schreibstil der Autorin und die sympathischen Charaktere machen das locker wett. Sehr lesenswert.

In diesem Sinne: Seid mutig und packt das Leben mit beiden Händen! :)

PS: Weiterer Lesestoff von Maya Shepherd ist schon in Sicht: unter anderem erscheint schon am 25. August mit Über alle Grenzen ein weiterer Roman von ihr im Sternensand Verlag. Der Roman ist jetzt schon vorbestellbar – und 1€ pro verkauftem Buch geht an eine Organisation, die Flüchtlinge unterstützt.