#Writing Friday – Nicht besonders

Es war einmal ein Kürbis. Kein besonders großer Kürbis. Etwa so groß, dass er in meine Handflächen passt, wenn ich sie zu einer Mulde aneinanderlege. Nicht perfekt gerundet. Zum Stiel hin, der sich in einem sanften Bogen wölbte, schlanker. Nein, auf den ersten Blick mochte dieser Kürbis nicht besonders scheinen, wie er fernab von aller Aufmerksamkeit auf dem überwucherten Komposthaufen vor sich dahin wuchs.
Doch der Anschein trügte.
Jeden Tag besuchte seine Freundin Spitzmaus den kleinen Kürbis. Erzählte ihm von ihrem Tag, den Dingen, die sie bei den Menschen gesehen und erlebt hatte. Eines Herbstabends, als die Sonne sank und ihre Glut den Kürbis in sanftgoldenen Schimmer hüllte, da kam sie aufgeregt zu ihm gelaufen.
„Kürbis!“ Quiekte sie, als sie über seinen gewundenen Stiel schlitterte, wie sie es für gewöhnlich zu tun pflegte. Sie schoss auf eines der Blätter, das sich unter ihrem Gewicht neigte und sie sanft auf dem Boden absetzte. „Kürbis“, keuchte sie ganz außer Atem, „du glaubst ja nicht, was ich gesehen habe.“
„Nun beruhig dich erstmal.“ Der kleine Kürbis wackelte mit den Blättern. „Wir haben noch den ganzen Abend Zeit zu erzählen.“
Spitzmaus holte tief Luft, hüpfte aufgeregt vor ihm auf und ab. „Da … da war ein Kürbis. So einer wie du.“
„Wie ich?“, fragte der kleine Kürbis hoffnungsvoll.
„Ja! Ja!“ Spitzmaus setzte sich auf die Hinterbeine. „Eine Fee hat ihn besucht und – stell dir nur vor! – sie hat ihn in eine Kutsche verwandelt.“ Aufgeregt erzählte Spitzmaus weiter. Von einer Prinzessin. Einem Ball. Der kleine Kürbis glaubte, eine Spur Stolz in ihrem Tonfall zu hören, als sie ihm von den Mäusen berichtete, die die Fee in Pferde verwandelte, damit sie die Kürbiskutsche zogen. „Ist das nicht aufregend?“ Mit ihren winzigen Pfoten klopfte sie sacht an seine Schale.
„Ja“, seufzte der kleine Kürbis und ließ die Blätter hängen. In seinem Leben gab es keine Feen, die ihn in eine Kutsche verwandelten. In seinem Leben gab es nicht mal einen anderen Kürbis. Nur diesen Komposthaufen – und seine treue Freundin Spitzmaus.
„Kleiner Kürbis?“, fragte sie leise. „Ist alles in Ordnung.“
Er nickte tapfer.
„Ich … ich wollte dich nicht traurig machen.“ Eng schmiegte sie sich an ihn. Das Gefühl ihrer Wärme an seiner Schale war tröstlich. „Ich wusste nicht …“
„Gräm dich nicht, Spitzmaus. Das ist eine wundervolle Geschichte, von der wir beide heute Nacht träumen können.“
Eine Geschichte, dachte der kleine Kürbis traurig, mehr auch nicht.

„Dideldidumm, dideldidai.“
Seltsame Geräusche schreckten den kleinen Kürbis aus dem Schlaf. Der Garten lag in Silberlicht getaucht. Doch da! Näherten sich da nicht kleine Funken über den Rasen?
Der kleine Kürbis mochte seinen Augen nicht trauen, als die schwirrenden Lichtpunkte auf ihn zuhielten.
„Ah“, begrüßte ihn eine glockenhelle Stimme, „kleiner Kürbis, hast du ausgeschlafen?“
„Aus-“
„Ja, ja“, erklärte eine zierliche Frau, die mit hauchzarten, schillernden Flügeln vor ihm schwirrte. „Du musst doch ausgeschlafen sein für das große Fest.“
„Welches Fest?“ Der kleine Kürbis betrachtete sie näher. Erinnerte sich an die Erzählung der Spitzmaus. „Bist du … bist du etwa … eine gute Fee?“ Seine Blätter raschelten vor Aufregung. „Verwandelst du mich in eine Kutsche?“
Die Fee schenkte ihm ein irritiertes Lächeln. „Eine Kutsche? Das hier ist doch kein Märchen.“ Sie warf das lange Haar über die Schulter zurück.
„Nicht?“ Der kleine Kürbis versuchte, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.
„Papperlapapp. Was wir mit dir vorhaben, ist viel viel schöner! Aber zuerst …“ Geschäftig zog sie einen Zauberstab aus ihrer Tasche. „Momenten mal.“ Sie umschwirrte ihn, musterte ihn prüfend. „Ah, ja, jetzt weiß ich es.“ Sacht stupste sie ihn mit dem Stab an.
Zunächst spürte der kleine Kürbis nichts. Allmählich breitete sich ein wohligwarmes Kribbeln in seinem Innern aus. Dann spürte er ein leichtes Ziehen und Zerren, als sich seine Gestalt veränderte. Die Krümmung seines Halses verschwand. Er wurde dicker. Seine Schale färbte sich herbstorange.
„Was geht hier nur vor?“, wisperte der kleine Kürbis, ergriffen von dem Wunder, das die Fee ihm schenkte.
„In diesem Augenblick beginnt dein neues Leben, kleiner Kürbis“, erklärte die Fee sanft. „Ich werde dich und deine Freundin Spitzmaus mitnehmen an einen Ort, an dem es noch mehr Kürbisse gibt: Große und kleine, dicke und dünne.“
Die Vorstellung, bald mit anderen seiner Art sprechen zu können, machte den kleinen Kürbis ganz kribbelig.
„Weißt du, bei der Hexe Agatha wird es dir gut gehen.“
„Du … du bringst mich zu einer echten Hexe?!“
„Sorg dich nicht, kleiner Kürbis. Agatha wird dir ein Lächeln schenken. Und dieses Lächeln wirst du anderen schenken.“
Ja, dachte der kleine Kürbis, das ist ein Leben, das mir gefallen könnte.


Der #Writing Friday ist eine Aktion von  Elizzy von read books and fall in love. Jeden Freitag veröffentlichen einige Blogger*innen, die das Schreiben genau so lieben wie das Lesen,  einen kurzen Text. Egal ob Geschichte oder Gedicht, erfunden oder mit persönlichem Bezug – Hauptsache kreativ. 

Wenn ihr selbst noch nach Themen sucht, über die ihr schreiben könnt, oder einfach ein bisschen schmökern wollt, dann schaut doch mal bei Elizzy vorbei. Dort findet ihr eine Übersicht aller Teilnehmer, über die Regeln des #Writing Friday sowie die aktuellen Schreibthemen.  Die anderen würden sich sicher freuen, wenn ihr ihren lesenswerten Blogs einen Besuch abstattet. :)

Thema heute: Erzähle ein Märchen über einen Kürbis.

Meinen letzten Beitrag zum #Writing Friday findet ihr * hier *. Darin geht es um ein besonderes Haustier und den Wert der Freiheit.  Wer noch mehr schmökern möchte: Bitte * hier * entlang.

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#Writing Friday – So viel größer

Das warmgoldene Licht der sinkenden Herbstsonne flutete durch das Bogenfenster, malte goldene Flecken auf den Steinboden. Bücher quetschten sich in deckenhohe Regale, schraubten sich zu wackligen Türmen gestapelt in schwindelerregende Höhen, wenn sie keinen Raum auf den durchhängenden Brettern fanden. Seltsame Apparaturen und kuriose Artefakte hatten sich ihren Platz zwischen ihnen erstritten. Eine Eule thronte auf dem wuchtigen Schreibtisch, auf dem sich das Chaos nahtlos fortsetzte, die Flügel ausgebreitet als sei sie mitten in der Bewegung eingefroren. Als hätte jemand die Zeit angehalten, um diesen Moment für die Ewigkeit zu bannen. Gwenn lehnte den Kopf an die golden schimmernden Gitterstäbe. Die Welt war so viel größer als ihr Käfig. Größer als dieses Zimmer oder die Burg, die sie gelegentlich zu Gesicht bekam.
Gwenn seufzte. Manchmal wünschte sie sich, Amandus nähme sie öfter mit hinaus. Wenn sie auf seiner Schulter saß, sich in sein zerzaustes Haar schmiegte und ihr die Welt zu Füßen lag, da wusste sie, wie es sich anfühlte, dieses Gefühl, das man Glück nannte. Der Alte zeigte ihr Wunder, die ihren Augen sonst verborgen blieben. Weckte Sehnsüchte in ihr, die sie nicht kannte. Und wenn sie dann in ihren Käfig zurückkehrte, wusste sie zu schätzen, welch großes Geschenk ihr Amandus gemacht hatte: Ein Leben, das nicht vielen vergönnt war. Ein Leben, das der Käfig schützte.
Knarrend schwang die Tür auf. Ein Lächeln huschte über ihre Züge, als der Alte eintrat. Haar und Bart zerzaust wie immer und ein unbestimmtes Funkeln in den Augen, hielt er aufgeregt auf sie zu.
„Ah, meine liebe, liebe Gwenn.“ Zuneigung lag in seinem Blick, als er einen Schlüssel unter der nachtblauen Robe hervorzog und den Käfig öffnete.
Zufrieden kletterte sie auf seine ausgestreckte Handfläche. „Weiß du“, erklärte er sanft, als er sie vor seine Augen hob, „ich bin bald so weit.“ Zärtlich strich er über ihre Porzellanhaut. „Bald wirst du nicht mehr so einsam sein.“ Die Worte des Zauberers ließen die Zahnrädchen in ihrem Innern sich schneller drehen. „Schon sehr bald.“ Gwenns mechanisches Herz mochte vor Freude beinahe zerspringen.


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Thema heute: Schreibe aus der Sicht deines Haustiers. (Wenn du keines hast, erfinde eine Geschichte dazu.)

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#Writing Friday – Bretter, die die Welt bedeuten

Weißt du eigentlich, wie dankbar ich dir bin? Ich sage es dir viel zu selten, aber ich schätze dich sehr. Dich und deine Geduld. Dich und deine Ausdauer. Ohne zu Murren beherbergst du schon seit Jahren, was ich anschleppe. Die dicken Wälzer, staubigen Flohmarktfunde, Mängelexemplare. All die nach Druckerschwärze duftenden Seiten. Ganze Welten, Universen und Leben.
Danke, dass du ihr Gewicht so genügsam erduldest.
Danke, dass du ein Blickfang bist, mich zum Lächeln bringst, wenn ich dich und deine Schätze ansehe. Wenn ich mit den Fingern über die Buchrücken streiche und anfange zu träumen. Von Abenteuern. Exotischen Orten. Magischen Wesen.
Nein, deinen Anblick möchte ich nicht missen. Vor allem nicht den dieses einen ganz besonderen Faches. Du weiß schon, das mit den Büchern von Kleinverlagen und Selfpublishern. Das, in dem auch die Anthologien stehen, in denen meine Kurgeschichten in Tinte und Papier gebannt wurden.
Ein bisschen habe ich ja schon aussortiert, um die Last auf deinen Brettern zu mindern. Damit du mir noch lange erhalten und treu bleibst. Ich freue mich auf die nächsten Jahre mit dir. Auf die neuen Entdeckungen, die auf deinen Brettern einziehen werden. Auf die Abenteuer, denen du ein zuhause gibst. Und auf jedes Lächeln, das du mir auf die Lippen zauberst.
An jedem einzelnen Tag.
Immer.
Danke.


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Thema heute: Schreibe eine Danksagung an dein Buchregal.

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#Writing Friday – Fräulein Luna und der Glanz der Sterne


Luna war so verliebt, aber niemand hätte damit gerechnet, dass man dereinst eine Legende aus ihren Gefühlen spönne. Die Legende vom Fräulein Luna und dem Glanz der Sterne.

Samtenschwarz war die Nacht, als Fräulein Luna erwachte. Sie badete in Sternenglanz, hüllte sich in ihr fließendes Silbergewand und machte sich wie an jedem Abend auf den Weg. Ein Käuzchen begrüßte sie fröhlich, kaum dass sie sich über den Horizont erhob. Freundlich lächelte sie auf die Erde herab, die schlaftrunken zu ihren Füßen ruhte. Beobachtete die Geschöpfe der Nacht, die nach und nach erwachten. Schenkte ihnen ihr Silberlicht, aus dem sie Traumgespinste wob. Fräulein Luna konnte sich kaum sattsehen an den Wäldern, Seen und Fluren, die wie in Silber gegossen mit ihrem eigenen Gewand um die Wette glänzten.

Höher und höher stieg sie, bis sie ihren Thron zwischen den Sternen erreichte. Von dort aus wachte sie über die Welt, bis Herr Sonne sie am Ende der Nacht ablöste und die Traumgespinste zerriss.

Ein sehnsüchtiges Seufzen entrang sich ihrer Brust, als sie ihren Stern gewahrte. Er war weder größer noch leuchtete er heller als die anderen, die strahlend am diamantbesetzten Firmament standen. Doch Fräulein Luna schien sein Licht wärmer, funkelnder. In manchen Nächten glaubte sie, er blitze besonders hell, nur um ihr zu gefallen.

Wieder seufzte sie. So gern hätte sie den Stern – ihren Stern – besucht, doch durfte sie ihren Platz nicht verlassen. Wer sollte sonst auf die Welt achten und Traumgespinste aus Silberlicht weben, die Schatten und Albträume fernhielten?

So ging es Nacht für Nacht. Der Anblick ihres Sterns, der so unerreichbar fern leuchtete, erfüllte Fräulein Lunas Herz gleichermaßen mit Freude und Kummer. Bis zu jener Nacht, die nun Legende ist.

Fräulein Luna wachte auf ihrem Posten, als ihr Stern zu flackern begann. Besorgnis ergriff ihr Gemüt, während sie das heller und dunkler werdende Lichtspiel beobachtete. Zuerst dachte sie, der Stern wolle sie auf ihn aufmerksam machen. Doch dann stürzte er einfach vom Firmament!

Immer rascher wurde sein Fall. Ein funkelnder Schweif aus Sternenglanz markierte seinen Weg. Fräulein Luna wusste, dass jeder Stern irgendwann verging. Aber der ihre? Bald würde er auf der Erde zerschellen – und sie wäre seines Anblicks auf ewig beraubt.

Mit sorgenvollem Herzen wob sie so schnell sie vermochte Silberlicht zu einem Traumgespinst. Schneller als jemals zuvor. Umhüllte ihren Stern damit. Obwohl es kaum stärker war als ein Lufthauch und zerbrechlich wie Glas, bremste es den Fall. Behutsam bettete es den Stern auf einem Kissen aus Moos.

Tränen rannen über Fräulein Lunas Wangen, fielen schwer und glitzernd zur Erde. Eine tropfte mitten auf ihren Stern, der in abertausende Funken zersprang. Fräulein Luna erschrak, beweinte, dass sie ihren Stern nicht vor diesem Schicksal hatte bewahren können. Mehr und mehr Tränen benetzten das Traumgespinst aus Silberlicht, banden den Sternstaub, bis sich winzige leuchtende Punkte in den Schatten zwischen den Bäumen erhoben.

Jeden Abend, wenn Fräulein Luna auf ihrem Platz sitzt, Silberlicht zu Traumgespinsten webt und auf die Welt hinabblickt, sieht sie das Licht ihres Sternes in den Glühwürmchen, die über Wälder, Seen und Fluren tanzen. So schenkte Fräulein Lunas Liebe ihrem Stern eine neue Gestalt – und unseren Nächten irdischen Sternenglanz.

 


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Thema heute: Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz beginnt Luna war so verliebt, aber niemand hätte damit gerechnet, dass …

Meinen letzten Beitrag zum #Writing Friday findet ihr* hier *. Darin lasse ich den Traum vom Fliegen wahr werden.  Wer noch mehr schmökern möchte: Bitte * hier * entlang.

#Writing Friday – Frei und schwerelos

Endlich wieder #Writing Friday! In den vergangenen Wochen hatte ich ein kleines KreaTief und eher wenig Zeit zum Bloggen. Aber als ich mich eben an den Laptop gesetzt habe, ist mir aufgefallen, wie sehr ich so eine kleine, kreative Auszeit ab und zu brauche. :) .Heute habe ich dir einen Text zu folgender Aufgabe mitgebracht:  Schreibe eine Geschichte, die mit dem Satz „Er konnte tatsächlich fliegen!“ endet.


Frei und schwerelos

Ein nie gekanntes Glücksgefühl, gemischt mit einer großen Portion Adrenalin rauschte durch Gisberts Adern, als der Wind unter die Pergamentschwingen seines Gleiters griff und ihn in weiten Spiralen höher und höher in den azurblauen Himmel trug. Über dem Pfeifen des Windes hörte er das Knarren und Ächzen der Strohhalme, doch wusste genau, dass die Zahnseide seine Konstruktion sicher verband. Bestimmt hundert, ach was, tausend Mal hatte er jeden Knoten, jede Verbindung überprüft. Schon bei der Auswahl der Materialen darauf geachtet, nur einwandfreie Stoffe aus den Abfallbehältern der Menschen mitzunehmen. Hatte die besten Windbedingungen berechnet. Den Anlauf, den er benötigte und die Höhe, aus der er abspringen musste.
Einem Heinzelmann ist es nicht vergönnt, zu fliegen, hatte Graubart, der Älteste, ein ums andere Mal erklärt. Schon damals, als Gisbert noch ein Heinzelmännchen war, dem noch nicht einmal der erste Bartflaum wuchs. Ein Heinzelmännchen mit einem ungewöhnlichen Traum.
Belächelt hatten die anderen ihn. Jetzt schmolzen sie unter ihm zusammen, das ganze Dorf kaum so groß wie ein Samenkorn. Sahen ihm dabei zu, wie er am Himmel seine Kreise zog.
Sein Bart wehte ihm halb ins Gesicht, als er sich in eine scharfe Rechtskurve legte, den Gleiter herabsinken ließ und dicht über ihre Köpfe hinwegzog. Mit jeder Bahn wurde er mutiger, reckte die Faust empor. Der Wind, der ihm den Bart ums Gesicht wehte, riss einen Jauchzer von seinen Lippen.
Genau so hatte es sich in seinen Träumen angefühlt. Frei und schwerelos. Die Sonne auf seiner Haut. Über ihm nur der Himmel. Nur Himmel bis zum Horizont. Er konnte tatsächlich fliegen!


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#Writing Friday – Tand

Willkommen zur nächsten Ausgabe des #Writing Friday daher. Heute habe ich dir einen Text zu folgender Aufgabe mitgebracht: Du findest auf der Straße ein Buch, welches sehr mitgenommen aussieht. Plötzlich fängt es an, mit dir zu sprechen …

Als ich mich an den Laptop gesetzt habe, ist der Text einfach aus mir herausgeflossen. Das Schreiben war seit langem mal wieder … irgendwie meditativ und hat mich alles um mich herum vergessen lassen. Dabei ist das Gespräch mit dem Buch auch etwas kurz geraten – es sei mir bitte verziehen. :)

Wegen der DSGVO musste ich ja leider mein Kommentarfeld schließen. Falls dir mein Text gefallen hat, würde ich mich trotzdem über eine kurze Nachricht via Mail freuen :)


Tand

Gedankenversunken schlenderte Evelyn durch den Stadtpark, ließ die kleine Gruppe ihrer Kommilitoninnen, die es sich in der Abenddämmerung auf einer Decke gemütlich gemacht hatte, hinter sich. Der weiße Kies auf den verschlungen angelegten Wegen knirschte leise unter ihren Schritten, verschmolz mit dem Säuseln des Windes in den Baumkronen zu einem angenehmen Hintergrundgeräusch. Sie hatte es nicht eilig, nach Hause zu kommen. In ihrer Einzimmerwohnung erwarteten sie bloß Stille – und ihre Bücher, die sich dicht an dicht in dem großen Regal drängten, das ihr Vater selbst zusammengezimmert hatte, als Evelyn mit Beginn des Studiums hierhergezogen war.
Normalerweise machte ihr die Stille nichts aus. Ihre Bücher genügten ihr. Waren ihr genug. Ihre engsten, vertrautesten Freunde. Nahmen sie so an, wie sie war – und verwandelten sie in das, was sie gern wäre – zumindest für eine Weile. Aber gerade jetzt, wo sich alle nach den Seminaren verabredeten, um am See oder im Park zu chillen oder zu grillen, kam ihr die Stille daheim umso bedrückender vor. Einsamer. Deshalb blieb sie länger in der Uni. Sie liebte die Ruhe in der Bibliothek. Zwischen den hohen Regalen neben anderen Studenten zu sitzen, war genau die richtige Dosis an sozialen Kontakten, die sie brauchte. Sie arbeiteten nebeneinander, aber an einander vorbei. Anonym. Nach wenigen Augenblicken wieder vergessen. Niemand sprach sie an. Kein lästiger Smalltalk. Niemand, der sich eh nicht dafür interessierte, was sie tat, dachte, sagte. Der nur aus Höflichkeit …

Evelyn überstolperte einen Schritt. Auf ihrer Lieblingsparkbank, von der die weiße Farbe in Flocken abblätterte, stand ein Karton im Schatten der alten Kastanie. Groß und an den Rändern gewellt, aber ohne Deckel, störte er den vertraut-gewohnten Anblick. Zum Mitnehmen, erklärte ein Zettel, der daran befestigt war.
Neugierig trat Evelyn näher. Ein ausgefranster Schal. Ein Porzellangeiger, die Wangen gerötet, das barocke Gewand aufgerüscht. Ein empörter Ausdruck auf seinem blassen Gesicht, als er den abgebrochenen Geigenbogen betrachtete.
Noch mehr Tand. Tand, der früher mal jemandem gehört hatte. Der früher mal jemandem etwas bedeutet hatte. Der Erinnerungen mit sich brachte – und eine Geschichte, die Evelyn niemals erfahren würde. Sie war schon an der Bank vorbei, als sie noch einmal umkehrte. Behutsam nahm sie den Geiger zur Hand, drehte ihn hin und her. Er war noch immer hübsch, befand sie. Vielleicht etwas kitschig, aber …

Da entdeckte sie ein Buch. Der Einband abgegriffenes Leinen, die Seiten zerknittert und vergilbt. Sie bettete den Geiger auf den Schal und barg ihren Fund. Das Papier schmiegte sich zart an ihre Finger, als sie das Buch aufschlug. Die Buchstaben verwischten zu einem druckergeschwärzten Strom, als sie durchblätterte, doch der etwa ab der Mitte des Buches abbrach. Leere Seiten. Bis sie auf eine Notiz in einer geraden, engen Schrift stieß:
Deine Geschichte ist es wert, erzählt zu werden.
Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie das Buch an ihre Brust drückte und mit pochendem Herzen auf ihre Kommilitoninnen zuhielt.


Der #Writing Friday ist eine Aktion von  Elizzy von read books and fall in love. Jeden Freitag veröffentlichen einige Blogger*innen, die das Schreiben genau so lieben wie das Lesen,  einen kurzen Text. Egal ob Geschichte oder Gedicht, erfunden oder mit persönlichem Bezug – Hauptsache kreativ. 

Wenn ihr selbst noch nach Themen sucht, über die ihr schreiben könnt, oder einfach ein bisschen schmökern wollt, dann schaut doch mal bei Elizzy vorbei. Dort findet ihr eine Übersicht aller Teilnehmer, über die Regeln des #Writing Friday sowie die aktuellen Schreibthemen.  Die anderen würden sich sicher freuen, wenn ihr ihren lesenswerten Blogs einen Besuch abstattet. :)

Meinen letzten Beitrag zum #Writing Friday findet ihr* hier *. Darin verrate ich euch etwas über die Erfindung des Teefons, das ihr garantiert noch nicht wusstet.

#Writing Friday – Alternative Wahrheiten

 

Fake News und alternative Wahrheiten sind in unserer postfaktischen Zeit groß in Mode. Passend dazu kommt auch die heutige Schreibaufgabe zum #Writing Friday daher: Schreibe einen Aufsatz über die Erfindung des Telefons. Lüg dabei und lass deine Fantasie spielen.


Alternative Wahrheiten

Langsam drang die Kälte der metallenen Spindtür durch ihre Haut, besänftigte das dumpfe Pochen, das sich seit dem Aufwachen hinter ihren Schläfen eingenistet hatte. Zuerst unauffällig wie ein blinder Passagier, dessen Anwesenheit man nur erahnte, brüllte es mit jedem Schritt auf dem neongrellen Linoleumboden lauter auf.
„Guten Morgen, Ems“, flötete Stephen vergnügt, ließ seinen Rucksack auf den Boden plumpsen und rumpelte in seinem Schließfach herum.
Emily brummte etwas, das man mit gutem Willen als Begrüßung interpretieren konnte, als sie sich nur widerwillig vom kühlen Metall löste. „Wie kann man nur so gut gelaunt sein an einem Montagmorgen.“
„Und wie“, hallte Stephens Stimme blechern aus dem inneren des Spinds, „kann man nur so ein Morgenmuffel sein.“ Seine sommersprossigen Pauspacken schimmerten rot, als er sich mit zufriedenem Grinsen eine Kupferlocke aus der Stirn pustete. „Mensch, Ems, du siehst echt …“, hinter seinen grünen Augen ratterte es, als er nach einer möglichst schmeichelhaften Formulierung suchte, „müde aus.“
„Danke, Herr Blühendes-Leben-egal-zu-welcher-Tageszeit.“ Emily riss die Tür auf, sah die dunklen Schatten unter ihren Augen in der Lackierung gespiegelt. Bloß nicht zu genau hinsehen, dachte sie, sonst erschreckt sich die Zombiekönigin noch vor ihrem eigenen Anblick.
„Hast dir wohl für Mr. Smiths Präsentation die Nacht um die Ohren gehauen, was?“
Emily erstarrte. „Präsentation?“
„Ja-ha.“ Stephen kratzte sich am Kinn. „Du weißt doch: Die Vorstellungen der bisherigen Ergebnisse unserer Hausarbeiten.“
„Das ist heute?“ Stöhnend knallte sie den Spind zu und schlängelte sich an Stephens Seite durch den Korridor. „Ja, Ems. Heute. Vielleicht hast du ja Glück und er lost dich nicht aus“, setzte er gewohnt optimistisch nach. „Ich hoffe, du hast wenigstens einen guten Grund für deine Übermüdung.“
„Wenn du jetzt auf amouröse Abenteuer hoffst …“, fing sie an, doch Stephen fuhr ihr lachend ins Wort: „Das ist wohl auf ewig der allerletzte Grund, warum einer von uns beiden mal keinen Schlaf bekommt.“ Er sagte es mit all der Selbstironie und dem größten Augenzwinkern, die ein Mensch aufbringen konnte – und genau dafür liebte Emily ihren besten Freund. Er hatte die Gabe, alles positiv zu sehen. Als sie den Klassenraum betraten und Mr. Smith Emily mit einem gehässigen Lächeln bedachte, gesellte sich Übelkeit zu ihren Kopfschmerzen. Vielleicht hätte sie doch nicht die ganze Nacht lesen sollen …

Es blieb noch eine Viertelstunde Unterrichtszeit, als Mr. Smith erklärte: „Einen Vortrag können wir uns heute noch gönnen. Freiwillige vor.“
Emily warf einen flehentlichen Blick zu Stephen. So gut, wie er sicher vorbereitet war, könnte er sich einfach melden und …
„Emily. Welches Thema hattest du nochmal gezogen.“
„Die Erfindung des Telefons, Sir.“
Mit einem einladenden Lächeln deutete er auf die Tafel. „Wir sind gespannt, was du uns zu erzählen hast.“
Ver. Dammt.
Wankend erhob sie sich, wischte die schweißfeuchten Finger an der Hose ab. Sie schwitzte so stark, dass es wie ein Wunder schien, dass sich noch keine Pfützen zu ihren Füßen bildeten. Sie putzte die Tafel, um etwas Zeit zu schinden. Vielleicht hätte sie doch schon etwas mehr Arbeit in das Projekt stecken sollen, als bloß die Überschrift auf Papier zu bannen. Lesen bildet, heißt es doch immer. Und wenn ich eines tue, dann Lesen.
„Also … genau. Mein Thema ist die Erfindung des Telefons.“ Stephen lächelte ihr zu. Aufmuntern zwar, doch Emily kannt ihn lang genug, um zu wissen, dass er seine eigene Erleichterung kaum verbergen konnte. Vor Leuten zu sprechen lag ihm nicht – noch weniger als Emily. Mr. Smith sah sie erwartungsvoll an. Und was er erwartet, was offensichtlich: Den schlechtesten Vortrag, den er in seiner ganzen Lehrerlaufbahn gehört hatte, aber den Gefallen würde sie ihm nicht tun.
„Das Telefon“, hob sie an und straffte die Schultern, „wurde, wie sicher viele von euch wissen, im 19. Jahrhundert von Alexander Graham Bell erfunden.“ Emilys Blick huschte zur Uhr.

Noch zehn Minuten zu überstehen.

„Das lässt sich leicht merken, wegen Bell, Glocke und dem Telefonklingeln. Was viele aber nicht wissen …“
Sie leckte sich über die Lippen. Verdammt, warum fiel ihr ein, wie die Katze von Hermine Granger hieß, das Schiff von Kapitän Ahab, aber nicht … oder doch?! „Was viele von euch nicht wissen“, erklärte sie und setzte sich auf die Ecke des Pultes, „ist, dass Bell nicht allein arbeitete. In seinem Tüftlerlabor erhielt er Unterstützung von den klügsten Köpfen seiner Zeit. Allesamt …“, ihr Blick glitt zu Mr. Smith, „sehr fähige Zauberer. Damals stand die Welt vor einem großen Kommunikationsproblem. Die Hauselfen in den Haushalten der Zauberer befanden sich in Generalstreik. Davon waren vor allem die Eulereien betroffen, die das Kommunikationsnetz der magischen Welt bedeuteten. Die Zauberer hatten es satt, sich selbst um die gefiederten Boten zu kümmern. Ihr versteht schon, die Exkremente und so … So erfanden sie das Telefon, um direkt miteinander sprechen zu können.“

Nur noch drei Minuten.

„Von ihrer Erfindung sollten auch die Muggel – also wir – profitieren, und so kam es, dass Bell, seines Zeichens ebenfalls Spross einer wichtigen Zaubererfamilie, sein Patent anmeldete und … den Rest kennt ihr ja. Vielleicht konntet ihr durch meinen Vortrag etwas Wichtiges mitnehmen: Glaubt nicht alles, was irgendwo geschrieben steht – und schon gar nicht alles, was euch jemand erzählt. Meistens schadet es nicht, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.“
Der erlösende Pausengong. Emily sah das Grinsen auf den Gesichtern ihrer Mitschüler, die kichernd die Köpfe zusammensteckten. Stephens entgeisterten Blick – und Mr. Smith, der schmunzelnd zu ihr ans Pult trat. „Ein leidenschaftlicher Vortrag, Emily, den du nochmal überarbeiten solltest, bevor du mir deine Arbeit einreichst.“
„Das werde ich“, murmelte sie, schnappte ihre Tasche und stürmte aus dem Raum.
„Ach, Emily“, hielt Mr. Smith sie zurück. „An deiner Stelle würde ich mich für den Literaturkurs anmelden. In dir steckt Potenzial.“


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Meinen letzten Beitrag zum #Writing Friday – ein kleines Buchrätsel –   findet ihr * hier *.

#Writing Friday – Klassiker

Hallo meine Lieben,

beim #Writing Friday wird es heute knifflig – eher für euch als für mich, denn passend zur Aufgabe Fasse drei berühmte Bücher in je einem Satz zusammen werde ich euch ein bisschen rätseln lassen. (Die Auflösung findet ihr am Ende des Beitrags – aber nicht schummeln!)

Seid ihr bereit? Dann los.

Buch Nummer 1 ist ein Roman darüber, wie lange es dauert und wie schwierig es ist, im Mittelalter eine Kathedrale zu bauen.

Ja, ich weiß. Meine Zusammenfassung könnte ruhig etwas spezifischer sein. Aber das ist ja das Schöne an so einem kurzen, knackigen Pitch: Das Grundthema ist so allgemein, dass mir neben dem gesuchten Buch noch ein weiteres einfällt, das gemeint sein könnte. Es liegt nur an der Individualität des Autors, seinen Figuren und seiner Sprache, dass daraus eine einzigartige Erzählung wird.

Weiter mit dem Rätsel.

In dieser Geschichte begeben sich dreizehn Zwerge, ein Zauberer und ein Hobbit auf die gefährliche Reise, den gierigen Klauen eines Drachen das Zwergenreich und einen wertvollen Schatz zu entreißen.

Das war schon leichter, oder? Kommen wir nun zum letzten Klassiker:

Drei Geister, die er (eigentlich nicht) rief, machen aus einem geizigen Misanthropen innerhalb einer Nacht einen besseren Menschen.

Na, alle erraten? :)


Der #Writing Friday ist eine Aktion von  Elizzy von read books and fall in love. Jeden Freitag veröffentlichen einige Blogger*innen, die das Schreiben genau so lieben wie das Lesen,  einen kurzen Text. Egal ob Geschichte oder Gedicht, erfunden oder mit persönlichem Bezug – Hauptsache kreativ. 

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Meinen letzten Beitrag zum #Writing Friday , bei dem es um den ersten Tag einer Assistenzärztin im Krankenhaus geht,   findet ihr * hier *.


Auflösung:
  1. Ken Follett, Die Säulen der Erde
  2. J. R. R. Tolkien, Der Hobbit
  3. Charles Dickens, Ein Weihnachtslied in Prosa

#Writing Friday – (K)eine Seifenoper

K(eine) Seifenoper

Der unverkennbare Duft frisch lackierter Nägel und lauwarmer Pizza wehte Hanna entgegen, als sie in den dämmrigen Flur trat. Mit einem dumpfen Knall entledigte sie sich ihrer Tasche und der Turnschuhe. Sie klebten so fest an ihren Füßen, dass sie fürchtete, sie seien längst festgewachsen und müssten operativ entfernt werden.
„Uuuuund?“, wollte Maja neugierig wissen, kaum dass Hanna ins Wohnzimmer trat. „Wie war es?“
„Unglaublich“, seufzte Hanna und ließ sich neben ihre Freundin plumpsen. Maja rückte ein Stück von ihr ab. „Unglaublich gut oder unglaublich schlecht? Du solltest übrigens dringend duschen“, bemerkte sie und platzierte mit der Präzision eines Uhrmachers einen Farbtupfer auf dem Nagel ihres kleinen Zehs.
„Das weiß ich selbst.“ Sie streckte der anderen die Zunge heraus und schnappte sich eines der im Karton verbliebenen Pizzastücke.
„Ich wollte es nur mal gesagt haben“, lachte die andere, lehnte sich zurück und wackelte mit ihren fröhlich bunten Zehen.
„Dhanhe, scher schuvorkommd.“
„Meine Güte, du schlingst die Pizza – meine Pizza, wohlgemerkt – herunter, als hättest du seit Tagen nichts gegessen. Ich wusste gar nicht, dass Leben zu retten so hungrig macht.“
Hanna lachte kurz und freudlos auf. „Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber gerettet habe ich niemanden.“
Maja winkte ab. „Was noch nicht ist, kann ja noch werden, Dr. Hanna Grau, du Patientenflüsterin. Du … hast doch Patienten zu Gesicht bekommen, oder?“
Sie nickte, schlang den letzten Krümel Pizza herunter. „Nach der obligatorischen Krankenhausführung sind wird direkt in die Notaufnahme.“
Ein Leuchten stahl sich in Majas Augen, als sie sich erkundigte: „Hast du Blut gesehen? Viel Blut? Abgetrennte Gliedmaßen und …“
Sie verstummte, als Hanna die Hand hob. „Ich durfte dabei zusehen, wie Dr. Schönemann eine Platzwunde genäht hat. Beim Fußball hat sich ein Junge …“
„Schönemann?“ Ihre Augen wurden noch größer. „Ist der gute Doc etwa ein schöner Mann?“ Prompt kicherte sie über ihr eigenes Wortspiel.
„Maja!“ Hanna vergrub das Gesicht in den Händen.
„Was denn?“, fragte sie gespielt empört. „Darf ich nicht mal einen Witz machen? Du schuldest mir noch eine Antwort.“
„Ne, ist er nicht.“
„Also kein McDreamy?“ Maja ließ enttäuscht die Schultern hängen.
„Wenn überhaupt ein McAlbtraum. Arrogant und herablassend. Er hat mich durchs ganze Krankenhaus gescheucht und dann …“
Maja lehnte sich neugierig vor, hing gebannt an den Lippen ihrer Freundin. „Dann hat der Junge – der mit der Platzwunde, falls du das bei all deiner Schwärmerei vergessen haben solltest – seinen Mageninhalt …“
Nun war es Maja, die die Hand hob. „Schon gut, erspar mir die Details.“ Sie schüttelte sich. „Ist denn bei den anderen Assistenzärzten einer dabei, der … du weißt schon.“ Ihr Grinsen wurde breiter, als sie zu summen begann. Nobody knows where hey might end up, Nobody knows …
„Du schaust eindeutig zu viel fern“, meinte Hanna augenrollend. „Ich arbeite in einem Krankenhaus und nicht am Set von Grey’s Anatomy. Das Leben als Anfänger ist so schon anstrengend und kompliziert genug. Das Letzte, woran wir denken, ist eine heiße Affäre.“
„Das sagst du jetzt, Hannalein. Du hast erst einen Tag erlebt.“
„Können wir uns jetzt bitte auf das Wesentliche konzentrieren?“
„Das tue ich doch – ich konzentriere mich auf das, was für mich wesentlich ist.“ Maja zwinkerte verschwörerisch. „Jetzt halte ich aber den Mund – vorerst.“
Hanna nutze die Verschnaufpause und erzählte ihrer Freundin, was sie in den neonbeleuchteten Krankenhausfluren erlebt, wie sie sich mehrmals verlaufen hatte. „Aber das Schlimmste kommt erst noch.“ Sie machte eine dramatische Pause. „Der Wackelpudding in der Kantine war das Scheußlichste, das ich je gegessen habe.“


Der #Writing Friday ist eine Aktion von  Elizzy von read books and fall in love. Jeden Freitag veröffentlichen einige Blogger*innen, die das Schreiben genau so lieben wie das Lesen,  einen kurzen Text. Egal ob Geschichte oder Gedicht, erfunden oder mit persönlichem Bezug – Hauptsache kreativ. 

Mein Schreibaufgabe heute: Du hast deinen ersten Arbeitstag als Assistenzarzt im Krankenhaus. Beschreibe einer Freundin ein besonders verstörendes Erlebnis.

Wenn ihr selbst noch nach Themen sucht, über die ihr schreiben könnt, oder einfach ein bisschen schmökern wollt, dann schaut doch mal bei Elizzy vorbei. Dort findet ihr eine Übersicht aller Teilnehmer, über die Regeln des #Writing Friday sowie die aktuellen Schreibthemen.  Die anderen würden sich sicher freuen, wenn ihr ihren lesenswerten Blogs einen Besuch abstattet. :)

Meinen letzten Beitrag zum #Writing Friday , bei dem es um ein ganz besonderes Geständnis während einer Familienfeier geht,   findet ihr * hier *.

 

#Writing Friday – Kollateralschaden

Großen Familienfeiern blicken sicher viele mit einem mulmigen Gefühl entgegen. Wenn die liebe Verwandtschaft zusammentrifft – oder aufeinanderprallt – kann es ganz schön zur Sache gehen. Das Thema des heutigen #Writing Friday ist nicht nur eine große Herausforderung, sondern hat mir auch wahnsinnig viel Spaß gemacht, ein bisschen von meinem üblichen Stil abzuweichen.

Darum geht es:
Bei einem großen Familienfest erfährst du, dass deine Großeltern bereits seit vielen Jahren in einer offenen Beziehung leben. Schreibe die Szene auf, die sich nach diesem Geständnis ergibt.


Kollateralschaden

So muss er sich anfühlen, dachte ich, der Moment, nachdem eine Bombe explodiert ist. Ein lauter Knall. Unverhofft. Die Detonation so heftig, dass sie dich bis in dein Inneres erschüttert, von den Füßen reißt.

Und dann diese Stille.

Bleiern legte sie sich über die Festtafel. So schwer, dass sie sogar den Fluss der Zeit verlangsamte, ihn für Augenblicke anzuhalten schien. Den Menschen entlang des weit ausladenden Tisches wertvolle Momente schenkte, ihre Verletzungen zu inspizieren.

Kollateralschäden.
Schürfwunden.
Splitter im Herzen.
Am schlimmsten dran diejenigen, bei denen die Bruchstücke so tief in Stolz und Eitelkeit drangen, dass sie nun in Trümmern dalagen.

Atem holen.

Zum ersten Mal, seit ich mich an diesen Tisch gesetzt habe, fühle ich mich frei. Befreit. Als sei eine Last von mir gerissen worden. Mein Blick huscht zum Stuhl zu meiner Linken. Unbesetzt. Das Service unbenutzt.
Eine stumme Erinnerung daran, was hätte sein können.
Ein stummer Vorwurf, mich nicht genug angestrengt zu haben.
Falls ihr euch wieder zusammenrauft, hatte meine Tante erklärt.

Haben wir nicht. Werden wir nicht. Mit jedem Atemzug macht mir der Anblick des leeren Platzes weniger aus. Vielleicht liegt es auch an dem ungläubigen Gesicht meiner Tante, die mir schräg gegenüber sitzt.

Eindeutig. Sie hat es am härtesten getroffen. Ein Ausdruck á la Was-sollen-bloß-die-Nachbarn-denken? Huscht über ihre Züge. Nur kurz, dann hat sie sich wieder im Griff.

Die Hand meiner Cousine krallt sich in den Arm ihres Freundes. Das Lächeln gezwungen. Er ist der einzige, der unbekümmert weiter isst. Als hätte er gar nicht mitbekommen, dass neben ihm eine Bombe explodiert ist. Sieht auf. Begegnet meinem Blick. Röte schießt in seine Wangen. Er sieht weg.

Lieber einen leeren Platz neben mir, als ihn mit jemandem zu besetzen, der schneller Weg ist, als ich mit dem Finger schnipsen kann.

Die einzigen, die ein Lächeln auf den Lippen tragen, sind meine Großeltern. Die Finger verschlungen wie Wurzelwerk, als wollen sie einander nie mehr loslassen. Wärme in ihrem Blick, dem Lächeln, den kleinen Gesten. Zuneigung. Mehr noch. Liebe. Ungebrochen. Ewig.

„Jetzt schaut doch nicht so erschrocken“, vertreibt Opa mit einem Schmunzeln in der Stimme die Stille. „Ihr habt nach dem Geheimnis unserer langen, glücklichen Ehe gefragt. Wenn euch die Antwort nicht gefällt …“

„Wir lieben einander“, erklärte Oma nun, „tief und innig. Es gab nie einen Mann, der mir mehr bedeutet hat als …“

„Noch jemand Wein?“, wirft meine Tante rasch dazwischen, wild entschlossen, den letzten Rest des guten Anscheins zu wahren. Angelt nach der Flasche und gießt sich nach. Die Wangen rot, ob vor Scham oder Alkohol, wer weiß das schon. Sie kichert. Viel zu laut. Viel zu schrill.

„Liebe“, erklärt Opa mit einem Blick auf meine Tante, „ist ein zu schönes Gefühl, um es nur einem einzigen zu schenken.“ Er schaut zu mir. Zwinkert mir schelmisch zu.
Ich lächle zurück.

Der Platz neben mir ist leer. Vorübergehend. Und als ich das Glück sehe, das Oma und Opa ausstrahlen, da weiß ich es: Irgendwann wird er da sein. Einfach so. Unerwartet. Derjenige, zu dem am Ende alle Wege führen werden.


Der #Writing Friday ist eine Aktion von  Elizzy von read books and fall in love. Jeden Freitag veröffentlichen einige Blogger*innen, die das Schreiben genau so lieben wie das Lesen,  einen kurzen Text. Egal ob Geschichte oder Gedicht, erfunden oder mit persönlichem Bezug – Hauptsache kreativ. 

Wenn ihr selbst noch nach Themen sucht, über die ihr schreiben könnt, oder einfach ein bisschen schmökern wollt, dann schaut doch mal bei Elizzy vorbei. Dort findet ihr eine Übersicht aller Teilnehmer, über die Regeln des #Writing Friday sowie die aktuellen Schreibthemen.  Die anderen würden sich sicher freuen, wenn ihr ihren lesenswerten Blogs einen Besuch abstattet. :)

Meinen letzten Beitrag zum #Writing Friday – einen Brief an den Erfinder von Zahnpasta –  findet ihr * hier *.

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