Writing Friday Special – Das Kristallherz

 

Hohoho …

… und herzlich Willkommen zu einer ganz besonderen Edition des Writing Friday!
Schon das ganze Jahr über hat Elizzy von Read Books and Fall in Love uns wundervolle Schreibanlässe geliefert. Für die Adventszeit hat sie sich auch etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Einen Geschichtenadventskalender mit 24 weihnachtlich-winterlichen Erzählungen, um einem kleinen Mädchen eine große Freude zu machen, wie ihr ***hier*** nachlesen könnt. Gestern öffnete sich das 17. Türchen auf Sakuyas Blog.  Bevor es morgen bei Melanie Carafa weitergeht, macht es euch doch bei mir gemütlich. Ich möchte euch gern eine Geschichte erzählen.


Das Kristallherz

It’s beginning to look a lot like Christmas …

Samtweich füllte die Stimme den Raum, brachte etwas tief in Emma zum Klingen. Mit den ersten Tönen des Liedes breitete sich eine Wärme in ihrem Magen aus, die mit jedem Herzschlag weiter und weiter durch ihren Leib strömte, bis sie eine tiefe Ruhe erfüllte. Ein Lächeln auf den Lippen bog sie die Zweige der Kunsttanne in Form, die ihr etwa bis zur Hüfte reichte. Summte leise mit, als sie schwungvoll den Staub von einer großen Kiste wischte. Auf den ersten Blick mochte sie unscheinbar scheinen, doch für Emma bargen ihre leicht eingedrückten Ecken, ihr Geruch nach altem Papier und Tannengrün einen ganz besonderen Zauber. Erinnerungen an ihre Kindheit, prasselndes Kaminfeuer, Lebkuchen, wolligweiche Kuscheldecken und geflüsterte Geschichten erwachten in ihrem Gedächtnis zum Leben.
Mit pochendem Herzen hob Emma den Deckel an. Funkelnd und blitzend erwachte der Inhalt der Kiste vom Sonnenlicht wach geküsst aus seinem Dornröschenschlaf. Da war eine fingergroße Ballerina, ein pinselstrichdünnes, erwartungsvolles Lächeln auf den Porzellanlippen. Ein ebensogroßer Nussknacker, die Wangen vor Tatendrang gerötet. Ein alter Zinnsoldat, aufrecht wie eh und je und bereit, für die Tage, die vor ihm lagen. Ein Schaukelpferd, dass ungeduldig mit den Kufen scharrte. Ein Teddy, der sich im Licht nach der langen Dunkelheit wohlig streckte.
Sie alle schienen Emma so lebendig wie an den längst vergangenen Weihnachtstagen ihrer Kindheit. Ein verträumtes Lächeln erhellte ihre Züge. Mit Mitte zwanzig sollte sie es eigentlich besser wissen, aber … ein Teil von ihr glaubte immer noch an die Magie, den Zauber der Weihnacht – auch wenn er mit jedem Jahr, das ins Land zog, schwieriger zu entdecken war. Weihnachten würde nie wieder so sein, wie sie es als Kind erlebt hatte. Die Vorfreude. Das ungeduldige Warten. Der festlich geschmückte Weihnachtsbaum, der so hoch war, dass sie den Kopf in den Nacken legen musste, um seine Spitze sehen zu können. Der glitzernde Himmelsstaub auf dem Boden (der sich später als Frost herausstellen sollte), wenn das Christkind von Haus zu Haus zog … Manchmal wünschte sie sich, den heiligen Abend noch einmal so erleben, so betrachten zu können, wie damals: Mit den staunenden Augen eines Kindes.
Emma schüttelte den Kopf. So sentimental war sie sonst nie. Doch wann, wenn nicht in der Adventszeit, war sonst Zeit, sentimental zu sein?
Rasch befreite sie die alten Gefährten so vieler Weihnachtsfeste aus ihrer Starre. Zu jedem von ihnen hätte sie eine – ach, abertausende – Geschichten erzählen können. Jeder einzelne von ihnen schien unter ihrer behutsamen Berührung zu vibrieren, als könne es ihm gar nicht rasch genug gehen, einen Platz mitten im Tannengrün zu ergattern. Tatsächlich schienen sie alle zufriedener, als Emma sie mit einigem Abstand betrachtete, wie sie von den Zweigen baumelten.
„Fehlt nur noch eines“, wisperte sie, zufrieden mit ihrer bisherigen Arbeit. Neben der Kiste sank sie auf die Knie. Mit beiden Händen barg sie schließlich einen schwarzen Samtbeutel von ihrem Grund. Schwer und kühl schmiegte er sich an ihre Haut.
Mit spitzen Fingern zupfte sie an der Schleife, die das Säckchen verschlossen hielt, bis es seinen Inhalt offenbarte. Behutsam glitt ein Herz auf Emmas geöffnete Handfläche. Es war ganz und gar aus klarem Kristall. Das Licht brach sich funkelnd in seinen geschliffenen Facetten, malte Myriaden winziger Regenbögen auf die Haut des Mädchens, ließ sie über den Weihnachtsbaum und die Wände tanzen. Eine Aufhängung aus schwerem Bauernsilber, geformt wie der Kelch eines Schneeglöckchens, hielt das Kristallherz.
Wie einen Schatz barg Emma es an der Brust, als sie sich erhob. Und genau das war es auch: Ein Schatz, der mit Geld nicht aufzuwiegen war. Niemand mochte mehr zu bestimmen, wie lange sich das Kristallherz schon im Besitz ihrer Familie befand. Es hatte Hungerwinter er- und überlebt. Flucht und Vertreibung. Schlaflose Nächte im Bombenhagel, als die Welt am Abgrund stand. Von Generation zu Generation, von Hand zu Hand war es weitergegeben worden – und mit ihm die Erinnerungen vieler Leben.
In jedem Jahr zu Weihnachten hatten Oma und Mama ihr ein Kapitel seiner Geschichte erzählt, wie sie es von ihrer Mutter und Oma gehört hatten, damit es nie in Vergessenheit geriete.
„Und das wird es nicht“, wisperte Emma, als sie das Kristallherz an die Spitze des Weihnachtsbaumes hing. „Ich werde dich vermissen, aber nicht vergessen, Oma.“


Fall euch meine Geschichte gefallen hat, dann lasst es mich ruhig in den Kommentaren wissen. :) Ich wünsche euch allen eine fröhliche und besinnliche Advents- und Weihnachtszeit.

Wir lesen uns,
Eure Anna

16 Gedanken zu “Writing Friday Special – Das Kristallherz

  1. Hallo! Eine wundervolle Geschichte – wunderbar geschrieben es weckt in mir auf jeden Fall ein Gefühl von Weihnachten. Und ich freue mich schon selbst darauf unseren Baum zu schmücken.
    Hab einen tollen Tag <3

  2. Hallo
    Was für eine rührende Geschichte! Es hat mir sehr gut gefallen, wie Du mit den Wörtern gespielt hast, Deine Beschreibungen waren wunderschön. Hut ab! Bin gespannt auf Deine weiteren Geschichten. Ich wünsche Dir und Deiner Familie ganz frohe Festtage :)

  3. Hey,
    die Geschichte ist dir echt super gelungen, ich habe richtig mitgefühlt. 😍
    Ich wünsche dir noch eine schöne Vorweihnachtszeit. 💕🎄
    Liebe Grüße
    Lisa

  4. Hey Anna,
    eine schöne Geschichte. Sie scheint so voller Magie zu sein, auch wenn deine Protagonistin „nur“ den Weihnachtsbaum schmückt. Ich finde es schön, wenn man sich solche Momente und Erinnerungen gut in einer Kiste aufbewahrt. Echt toll geschrieben!
    Grüße, Katharina
    von http://www.kathakritzelt.com

  5. Du hattest mich ab hier: „Ein alter Zinnsoldat, aufrecht wie eh und je und bereit, für die Tage, die vor ihm lagen.“ Und ich hätte bitte gerne eine von den Kristallherz-Geschichten, wenn möglich, an den Weihnachtstagen! (Wünsche darf man ja haben, gell? :) )
    Liebe Grüße von Tanja

    • Liebe Tanja,
      also … gegen Wünsche ist wirklich nichts einzuwenden, vor allem nicht in der Adventszeit. Mich würde auch interessieren, welche Erinnerungen das Kristallherz bewahrt. Mal schauen, vielleicht erzähle ich ja irgendwann doch noch eine davon. :)

      Liebe Grüße
      Anna

  6. Pingback: Writing Friday Special – I saw Jessie kissing Santa Claus #writingfridayspecial – melaniecarafa

  7. Hallo Anna,

    wirklich anrührende Geschichte mit den Kindheitserinnerungen der Protagonistin und den Erlebnissen der Oma aus Kriegstagen, wie dies symbolisch weitergegeben wird!

    Liebe Grüße
    Norbert

  8. Ich liebe, liebe, liebe deine Geschichten, Anna! <3
    Und diese hier war ganz besonders schön und hat mich sehr berührt. Wir haben bei uns in der Familie eine Tradition: an Heiligabend werden von den 'Kindern' Gedichte oder Geschichten vorgetragen oder Klavier gespielt. Ich glaube, ich habe soeben die perfekte Geschichte für diesen Anlass gefunden… danke!
    Liebste Grüße,
    Ida

    • Hallo Ida,
      vielen Dank für deine zauberhaften Worte. Da habt ihr aber eine schöne Tradition. Falls du das Kristallherz tatsächlich zu einem Teil davon machen möchtest, würde ich mich sehr geehrt fühlen. :)

      Liebe Grüße und frohe Weihnachten!
      Anna

  9. Ach schön, solche Traditionen. Das macht das Weihnachtsfest zu was absolut besonderen, vorallem wenn dann tatsächlich noch schöne Geschichten erzählt werden. Schöne Geschichte.

    Frohes Fest.

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