#Writing Friday – Kollateralschaden

Großen Familienfeiern blicken sicher viele mit einem mulmigen Gefühl entgegen. Wenn die liebe Verwandtschaft zusammentrifft – oder aufeinanderprallt – kann es ganz schön zur Sache gehen. Das Thema des heutigen #Writing Friday ist nicht nur eine große Herausforderung, sondern hat mir auch wahnsinnig viel Spaß gemacht, ein bisschen von meinem üblichen Stil abzuweichen.

Darum geht es:
Bei einem großen Familienfest erfährst du, dass deine Großeltern bereits seit vielen Jahren in einer offenen Beziehung leben. Schreibe die Szene auf, die sich nach diesem Geständnis ergibt.


Kollateralschaden

So muss er sich anfühlen, dachte ich, der Moment, nachdem eine Bombe explodiert ist. Ein lauter Knall. Unverhofft. Die Detonation so heftig, dass sie dich bis in dein Inneres erschüttert, von den Füßen reißt.

Und dann diese Stille.

Bleiern legte sie sich über die Festtafel. So schwer, dass sie sogar den Fluss der Zeit verlangsamte, ihn für Augenblicke anzuhalten schien. Den Menschen entlang des weit ausladenden Tisches wertvolle Momente schenkte, ihre Verletzungen zu inspizieren.

Kollateralschäden.
Schürfwunden.
Splitter im Herzen.
Am schlimmsten dran diejenigen, bei denen die Bruchstücke so tief in Stolz und Eitelkeit drangen, dass sie nun in Trümmern dalagen.

Atem holen.

Zum ersten Mal, seit ich mich an diesen Tisch gesetzt habe, fühle ich mich frei. Befreit. Als sei eine Last von mir gerissen worden. Mein Blick huscht zum Stuhl zu meiner Linken. Unbesetzt. Das Service unbenutzt.
Eine stumme Erinnerung daran, was hätte sein können.
Ein stummer Vorwurf, mich nicht genug angestrengt zu haben.
Falls ihr euch wieder zusammenrauft, hatte meine Tante erklärt.

Haben wir nicht. Werden wir nicht. Mit jedem Atemzug macht mir der Anblick des leeren Platzes weniger aus. Vielleicht liegt es auch an dem ungläubigen Gesicht meiner Tante, die mir schräg gegenüber sitzt.

Eindeutig. Sie hat es am härtesten getroffen. Ein Ausdruck á la Was-sollen-bloß-die-Nachbarn-denken? Huscht über ihre Züge. Nur kurz, dann hat sie sich wieder im Griff.

Die Hand meiner Cousine krallt sich in den Arm ihres Freundes. Das Lächeln gezwungen. Er ist der einzige, der unbekümmert weiter isst. Als hätte er gar nicht mitbekommen, dass neben ihm eine Bombe explodiert ist. Sieht auf. Begegnet meinem Blick. Röte schießt in seine Wangen. Er sieht weg.

Lieber einen leeren Platz neben mir, als ihn mit jemandem zu besetzen, der schneller Weg ist, als ich mit dem Finger schnipsen kann.

Die einzigen, die ein Lächeln auf den Lippen tragen, sind meine Großeltern. Die Finger verschlungen wie Wurzelwerk, als wollen sie einander nie mehr loslassen. Wärme in ihrem Blick, dem Lächeln, den kleinen Gesten. Zuneigung. Mehr noch. Liebe. Ungebrochen. Ewig.

„Jetzt schaut doch nicht so erschrocken“, vertreibt Opa mit einem Schmunzeln in der Stimme die Stille. „Ihr habt nach dem Geheimnis unserer langen, glücklichen Ehe gefragt. Wenn euch die Antwort nicht gefällt …“

„Wir lieben einander“, erklärte Oma nun, „tief und innig. Es gab nie einen Mann, der mir mehr bedeutet hat als …“

„Noch jemand Wein?“, wirft meine Tante rasch dazwischen, wild entschlossen, den letzten Rest des guten Anscheins zu wahren. Angelt nach der Flasche und gießt sich nach. Die Wangen rot, ob vor Scham oder Alkohol, wer weiß das schon. Sie kichert. Viel zu laut. Viel zu schrill.

„Liebe“, erklärt Opa mit einem Blick auf meine Tante, „ist ein zu schönes Gefühl, um es nur einem einzigen zu schenken.“ Er schaut zu mir. Zwinkert mir schelmisch zu.
Ich lächle zurück.

Der Platz neben mir ist leer. Vorübergehend. Und als ich das Glück sehe, das Oma und Opa ausstrahlen, da weiß ich es: Irgendwann wird er da sein. Einfach so. Unerwartet. Derjenige, zu dem am Ende alle Wege führen werden.


Der #Writing Friday ist eine Aktion von  Elizzy von read books and fall in love. Jeden Freitag veröffentlichen einige Blogger*innen, die das Schreiben genau so lieben wie das Lesen,  einen kurzen Text. Egal ob Geschichte oder Gedicht, erfunden oder mit persönlichem Bezug – Hauptsache kreativ. 

Wenn ihr selbst noch nach Themen sucht, über die ihr schreiben könnt, oder einfach ein bisschen schmökern wollt, dann schaut doch mal bei Elizzy vorbei. Dort findet ihr eine Übersicht aller Teilnehmer, über die Regeln des #Writing Friday sowie die aktuellen Schreibthemen.  Die anderen würden sich sicher freuen, wenn ihr ihren lesenswerten Blogs einen Besuch abstattet. :)

Meinen letzten Beitrag zum #Writing Friday – einen Brief an den Erfinder von Zahnpasta –  findet ihr * hier *.

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15 Gedanken zu “#Writing Friday – Kollateralschaden

  1. Liebe Anna!

    Du schaffst es einfach immer, eine Situation so zu beschreiben, dass man sie direkt vor sich sieht, dass man die geladene Atmosphäre spürt, die Emotionen aller darin vorkommenden Menschen. Ich kam mir vor, wie auf einer unserer Familienfeiern, als die eine oder andere Bombe geplatzt ist – einfach wunderbar, wie du das hinbekommen und mit der momentanen Liebessituation der Ich-Erzählerin verknüpft hast. <3

    Liebste Grüße,
    Ida

  2. Huhu,

    was eine schöne Geschichte. Schade das sie so kurz ist :) Mir hat das Lesen echt Spaß gemacht, besonders da ich das Thema einfach sehr erheiternd finde. Jeder lebt sein eigenes Leben, aber ich bin mir absolut sicher, dass die meisten Reaktionen auf so etwas negativ ausfallen würden. Für mich persönlich wäre eine offene Beziehung nichts, aber das heißt ja nicht das andere nicht glücklich sind. Das sollte sich die Tante deines Hauptcharakters wohl auch mal vor Augen führen :D Auf jeden Fall finde ich, dass sie es durchaus verdient hätte sich später am Abend ein wenig zu blamieren, wenn sie schon versucht ihre Scham in Wein zu ertränken.

    Liebe Grüße
    Lee.

    • Hallo Lee,
      so eine offene Beziehung wäre für mich auch nichts, aber ich finde, jeder sollte sein Beziehungsleben so gestalten, wie er es möchte – Hauptsache, man ist glücklich. :) Wer weiß, ob sich die Tante nicht doch blamiert. Vorstellen könnte ich es mir. ^^

      Liebe Grüße,
      Anna

  3. Sehr toll geschrieben, vor allem wenn man selber mit der offenen Beziehung ansich so gar nichts anfangen kann. Ich bin auch schon gespannt was mir dazu in den Kopf schießen wird, ihr anderen habt die Offenbarung von Oma und Opa schon ganz toll umgesetzt.

    • Vielen Dank für dein Lob. :) Ich bin mir sicher, dass dir eine ganz individuelle Umsetzung des Themas gelingen wird. Jeder hat ja eine eigene Sicht auf solche Dinge, die er im Text umsetzen kann.
      Liebe Grüße,
      Anna

  4. Liebe Anna,
    großes Lob an deinen Text! Durch die kurzen Absätze und Sätze kommt eine ganz besondere Stimmung zum Vorschein. Das hat mir echt gut gefallen :)
    Liebe Grüße,
    Janika

    • Liebe Janika,
      das freut mich wirklich. Was die Form des Textes angeht war ich mir erst unsicher. In so knappen Sätzen schreibe ich ja sonst eher nicht. Danke für dein Lob. :)
      Liebe Grüße,
      Anna

  5. Hallo Anna,
    `Oma und Opa´, so offen und frei und immer noch verliebt nach all den Jahren, wie du sie schilderst, finde ich großartig. Die 68er mit ihren Beziehungsexperimenten gehen ja nun ins Fünfzigste und so ist das Szenario kein unrealistisches. Ich liebe die beiden, die du mir da mit viel Humor und sehr einfühlsam vorstellst. Doch, wie es mir oft mit deinen Texten geht: das, was mich wirklich in der Seele trifft, das ist, wenn du romantisch wirst. Der leere Stuhl, der neben dir steht, der hat mir (ich muss es zugeben), ein wenig feuchte Augen gemacht. Am Ende, denke ich, stimmt beides: man kann seine Liebe vielen Menschen schenken und sich trotzdem klar für einen Menschen entscheiden, mit dem man sein Leben verbringen will. Wahrscheinlich ist es eine Aufgabe für eben dieses Leben, beide Dinge in die Waage zu bringen und in der Bindung die Freiheit zu finden. Es geht ja nicht nur darum, dass jemand sich auf den leeren Stuhl setzt, sondern, dass er dort auch bleiben kann.
    Ich will jetzt bald mal eines deiner Bücher lesen. Hast du einen Tipp für mich?
    Lieben Gruß vom Andreas

    • Hallo Andreas,
      da kann ich dir nur Recht geben: Am Ende ist es wichtig, die richtige Balance zu finden – in einer Beziehung, aber auch im Leben generell. Vielen Dank für deinen lieben Kommentar. :)

      Einen eigenen Roman habe ich noch nicht veröffentlicht, aber vielleicht wäre ja die Anthologie „Wenn alte Wellen singen“ (Burgenwelt Verlag) etwas für dich. In der Kurzgeschichte, die ich zur Sammlung beigesteuert habe, geht es im weitesten Sinne auch um Liebe. Mehr zum Buch findest du auch auf der Unterseite „Eigene Welten“.

      Ganz liebe Grüße,
      Anna

  6. Liebe Anna, vielen Dank für den Tipp. Ich hatte auf deiner Seite schon mal gestöbert, bin aber nicht wirklich weiter gekommen, weil ich nicht erkennen konnte, in welchem der Bücher dein Anteil am größten sein würde. Ich bin gespannt. Nochmal danke. Liebe Grüße vom Andreas

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