#Writing Friday – Im Takt ihres schlagenden Herzens

Im Takt ihres schlagenden Herzens

Muffig und abgestanden schmeckt die Finsternis, die mich von allen Seiten bedrängt. Ich kann mich kaum daran erinnern, wann zum letzten Mal ein Sonnenstrahl diesen schwarzen Vorhang zerriss, der hauchzart und zugleich bleischwer auf mir lastet. Mir ist kalt. Schon so lange kalt, dass die Wärme kaum mehr als ein Schatten am Rande meiner Erinnerung ist.

Unendlich lang scheint es her, dass ihre zarten Finger liebevoll über mein poliertes Holz strichen, mich bis in meinen Klangkörper wohlig erschaudern ließen. Zu lang ist es her. Meine Welt besteht nur noch aus der Dunkelheit innerhalb dieses Koffers, dieses Gefängnisses, von dem ich nicht weiß, ob ich es jemals wider verlassen werden. Ob sich überhaupt noch jemand daran erinnert, dass es mich gibt.

Einzig die Kälte, die meine Saiten verzerrt, und meine Erinnerungen leisten mir Gesellschaft. Manchmal erlaube ich mir, tief in ihnen, in meiner eigenen Vergangenheit zu versinken. Sie wärmt mich von innen, füllt mich aus. Ganz so wie die Melodien es einst taten. Die Melodien, die sie mir entlockte.

Ich genoss, liebte jeden Moment mit ihr. Wenn sie den Bogen über meine Saiten gleiten ließ, brachte mich ihre zarte Berührung zum Klingen, meine Stimme zum Singen. Das leichte Kleid, das ihre Beine umfloss. Ihre gelockten Haarspitzen, die mich kitzelten, wenn sie sich ganz der Musik hingab. Dem Zauber, der sich vom ersten Ton an zwischen uns entspann. Ich spürte ihren Herzschlag durch mich vibrieren, nahm ihn auf und ließ ihn widerhallen. Im Takt ihres schlagenden Herzens, des Basses, der unser Spiel untermalte, verschmolzen wir, bis sich jeder Unterschied zwischen uns auflöste.
Sie machte mich lebendig. Ich verlieh den Empfindungen, die sie tief in ihrer Seele barg, eine Stimme.

Mal riss die Musik uns fort – eine Urgewalt, gleich einem Sommersturm, dem sich nichts entgegenzustellen wagt.
Mal durchströmte sie uns – ein reinigendes Gewitter, nachdem man frei durchatmen kann.
Dann wieder zart und zerbrechlich, als sei jeder Ton aus Glas gesponnen. Kaum lauter als ein Wispern, wenn wir ihr kleines Mädchen in den Schlaf wiegten. Sein glückseliges Lächeln wertvoller als der tosende Applaus der Welt.
Diese Momente waren mir die Liebsten: Nur wir beide vor dem hohen Fenster, durch das das Licht der Morgensonne sanfte Muster aufs Parkett zeichnete. Das Scheinwerferlicht genossen wir – gebraucht haben wir es nicht. Wir brauchten nur einander – und den Zauber der Musik.

Manchmal ist es gefährlich, sich zu erinnern. Manche Erinnerungen bringen Dunkelheit und Kälte, statt sie zu vertreiben.
Mir entging das Beben ihrer Finger nicht. Als Erster bemerkte ich die gehetzten Achtel, wenn ihr Herzschlag für einen Augenblick aus dem Takt geriet. Beides verbarg sie hinter ihrem Lächeln, das an den Frühling erinnerte.
Seltener versanken wir im Zauberbann. Doch immer, wenn sie den Raum betrat, galt ihr erster Blick mir. Im geöffneten Koffer, der Bogen neben mir, wartete ich – bereit, mich ihr sofort hinzugeben. Sie musste nur die Hand ausstrecken …
Seltener wehte ihr Frühlingslachen durchs Haus. Gleichmäßiges Piepen und Klacken begleiteten es. Ihr Blick wehmütig, wenn sie neben mir saß, die Hände in ihrem Schoß barg, damit ihr Zittern nicht so arg auffiele. Ihren Fingern fehlte die Kraft, den Bogen zu halten. Ich war ihr zu schwer geworden, fürchtete selbst, ich könne zerbrechen, was die grässliche Krankheit von ihr übrig gelassen hatte.Eines Tages verstummten das Klacken und Piepen. Was blieb, war stille. Bleiern. Gespenstig.
Erst nach ein paar Wochen fiel auf, dass ich noch immer da war, wartete. Mein Anblick raubte ihm die Kraft. Oder vielmehr waren es die Erinnerungen an ihr Spiel – so lebendig, leidenschaftlich, lebenshungrig – die er nicht ertrug. Die Wunde zu frisch, die ihr Verlust in unsere Herzen riss.
Selbst meine Stimme raute der Kummer an, verzerrte sie, als er beinahe reumütig an meinen Seiten zupfte, mein Holz polierte. Dann schloss er mich in die samtene Umarmung der Dunkelheit.

Stille. Ab und an knarren die Dielen.
Ich habe die Hoffnung aufgegeben. Vielleicht wird es irgendwann jemanden geben, der meinem Leben wieder einen Sinn gibt. Der mich spielt – denn dazu wurde ich geschaffen. Ob ich jemals wieder diesen Zauber, diese Verbindung spüre? Sie war einzigartig. Nicht die Erste, mit der ich sang, doch niemand brachte mich so zum Klingen.

Die Tür quietscht in den Angeln. Leichte Schritte auf dem Boden. Mein Herz macht einen Satz, als der Koffer ein Stück nach vorn ruckt. Staubflocken wirbeln in bizarren Bahnen im Sonnenlicht, dessen ungewohnter Anblick mich schmerzt.
Sacht erschaudere ich, als jemand prüfend über meine verstimmten Seiten, mein Holz streicht. Das Lächeln, das dem ihren so gleicht, nur jünger, vertreibt die Kälte.

 


Der #Writing Friday ist eine Aktion von  Elizzy von read books and fall in love. Jeden Freitag veröffentlichen einige Blogger*innen, die das Schreiben genau so lieben wie das Lesen,  einen kurzen Text. Egal ob Geschichte oder Gedicht, erfunden oder mit persönlichem Bezug – Hauptsache kreativ. 

Mein Schreibaufgabe heute: Ein vernachlässigtes Cello erzählt.

Wenn ihr selbst noch nach Themen sucht, über die ihr schreiben könnt, oder einfach ein bisschen schmökern wollt, dann schaut doch mal bei Elizzy vorbei. Dort findet ihr eine Übersicht aller Teilnehmer, über die Regeln des #Writing Friday sowie die aktuellen Schreibthemen.  Die anderen würden sich sicher freuen, wenn ihr ihren lesenswerten Blogs einen Besuch abstattet. :)

Meinen letzten Beitrag zum #Writing Friday – 25 Begriffe, die Dinge aus meiner Kindheit beschreiben – findet ihr * hier *.

 

21 Gedanken zu “#Writing Friday – Im Takt ihres schlagenden Herzens

  1. Was für ein toll geschriebener Text. Kann es sein, dass du in einem alten Leben ein Cello gewesen bist? Du hast dich so großartig in das Cello hineinversetzt, ich kann’s kaum glauben.
    Richtig schön!

  2. Wow! Ich hatte eine solche Gänsehaut beim Lesen <3 So einfühlsam, so voller Emotionen und all die Bilder, die ich jetzt in meinem Kopf habe – wow. Danke für diese wunderschöne Geschichte! <3

  3. Ein wundervoller Beitrag <3 Du hast diesem Text Leben eingehaucht und das schafft nicht jeder! Besonders mag ich aber das Ende :D denn da schimmert Hoffnung!
    Wünsche dir ein schönes Wochenende!

  4. Hey Anna,

    oh wow, was für ein schöner Text! <3 Das Ende gefällt mir besonders. Das Thema ist schließlich ziemlich traurig und viele haben ein entsprechendes Ende gewählt. Ich übrigens auch, von daher ist es wirklich erfrischend diesen Hoffnungsfunken am Ende vorzufinden. :-)

    "Mal riss die Musik uns fort – eine Urgewalt, gleich einem Sommersturm, dem sich nichts entgegenzustellen wagt."

    Unglaublich gut. Wenn dein Text in einem Buch stehen würde, hätte ich mit Sicherheit die ein oder andere Stelle markiert! <3

    Liebe Grüße
    Ella

  5. Die Zartheit der Begegnung, die dunkle Melancholie des Abschiedes. Am Ende ein Sonnenstrahl – die Hoffnung auf neue Berührung, neue Wärme, andere Melodien. Ein Stein, wer bei deiner Poesie nicht zum Cello wird. Ein Holzklotz, wer nicht die zarten Bewegungen ihrer Hand auf seiner Haut spürt. Ich lese es einmal, zweimal und denke: Schade, dass es schon zu Ende ist. Vielen Dank für deine traurig zauberschönen Worte. Andreas

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