[Rezension] Petra Schier – Der Hexenschöffe

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„Niemals durfte ein solches Unrecht sich wiederholen. (…) Getrauert und bedauert hatte er lange genug. Nun war es an der Zeit zu handeln.“

(Petra Schier, Der Hexenschöffe, S. 11)

Mit Der Hexenschöffe wagt sich Petra Schier an ein düsteres Kapitel der Geschichte: Die Hexenverfolgungen. Ein Thema, das nichts für Zartbesaitete ist – und das die Autorin mit sehr viel Fingerspitzengefühl anfasst, ohne es zu beschönigen.

Auf einen Blick:
Titel: Der Hexenschöffe
Autor: Petra Schier
Verlag: Rowohlt Taschenbuch
Seiten: 512
Format: Taschenbuch/E-Book
Preis: 9,99€
Erscheinungsdatum: Oktober 2014

Bildrechte liegen beim Verlag

 

Klappentext
Eine wahre Geschichte aus dunkler Zeit
Anno 1636 ist ganz Deutschland vom Hexenwahn ergriffen. Schon einige Jahre zuvor traf es auch das beschauliche Rheinbach – eine Zeit, an die sich keiner gern erinnert. Und nun hat der Kurfürst den Hexencommissarius erneut in die Stadt beordert.
Hermann Löher, Kaufmann und jüngster Schöffe am Rheinbacher Gericht, hat Angst um Frau und Kinder. Sein Weib Kunigunde gehört zur «versengten Art»: Angehörige ihrer Familie wurden damals dem Feuer überantwortet. Löher glaubt nicht an Hexerei und an die Schuld derer, die vor Jahren den Flammen zum Opfer fielen. Eine gefährliche Einstellung in diesen Zeiten.
Als die Verhaftungswelle auch auf Freunde übergreift, schweigt der Schöffe nicht länger. Und schon bald beginnt für ihn und seine Frau ein Kampf gegen Mächte, die weit schlimmer sind als das, was man den Hexen vorwirft … (Quelle: Rowohlt Verlag)

Der Rheinbacher Kaufmann Hermann Löher steht im Zentrum des Romans. Er ist nicht nur Augenzeuge der Hexenprozesse, sondern ebenso der Verfasser einer 600-seitigen Klageschrift – der Hochnötigen Unterthanigen Wemütigen Klage der Frommen Unschültigen. Diese Abhandlung hat Petra Schier nicht nur als Quelle herangezogen, sondern zitiert zu Beginn jedes Kapitels aus ihr, wodurch der Roman viel authentischer wirkt.

Für das Gefühl der historischen Authentizität sorgt auch der Schreibstil der Autorin. Die Sprache ist altertümlich eingefärbt, aber leicht zu verstehen – ein echter Genuss, der zu einer Reise in die Vergangenheit einlädt.

Die Charaktere sind vielschichtig und dreidimensional – auch Nebencharaktere sind gut ausgearbeitete. Die Bandbreite an Regungen, die sie hervorrufen, reicht von liebenswert bis abstoßend.
Hermann ist ein Mann mit Idealen, der damit hadert, dass er als Schöffe am Gericht alle verhängten Urteile mittragen muss. Er möchte dem Hexenkommissar Einhalt gebieten, doch fürchtete zugleich um das Wohl seiner Familie. Dennoch widersetzt er sich dem Hexenkommissar so weit es ihm möglich ist.
Letzterer ist ein faszinierender Charakter: machtgierig und ohne Gewissen, der rhetorisch so versiert ist, dass er jedem das Wort im Munde herumdreht.

Neben Hermann steht aber auch die Generation seiner Kinder im Fokus der Erzählung, die trotz der lodernden Scheiterhaufen und des Misstrauens, das unter den Rheinbachern um sich greift, versuchen, ihr persönliches Glück zu finden und ihren eigenen Weg zu gehen.

Der Roman verlangt dem Leser einiges ab – und vermutlich auch seiner Autorin, denn einige Szenen gehen bis an die Grenzen des Erträglichen. Gewalt. Demütigung. Unsittliche Übergriffe. Die Verhörmethoden der Hexenkommissare in der Peinkammer. All dies beschreibt Schier ungeschönt, intensiv und schwer zu ertragen – vor allem wenn man bedenkt, dass so etwas (oder Ähnliches) tatsächlich geschehen ist und heute noch immer so geschieht.

Ein weiterer Pluspunkt und ein echter Gewinn ist das Zusatzmaterial u.a. ein historisches Nachwort und eine Erklärung zum Rheinbacher Brauchtum. Darüber hinaus gewährt Petra Schier auf ihrem Blog weitere Einblicke in die umfangreiche Recherche und Entstehung des Romans (und entfallene Kapitel :) ). Ein Blick lohnt sich!

Fazit
Der Hexenschöffe ist ein packender historischer Roman, hervorragend recherchiert, spannend und authentisch. Auch wenn manche Szenen nicht leicht zu lesen oder zu verdauen sind, kann ich den Roman nur jedem empfehlen. Denn nach der letzten Seite bleibt der Eindruck zurück, mehr als einen Roman gelesen zu haben. Der Hexenschöffe ist ein Plädoyer dafür, seine Stimme zu erheben, selbst wenn es aussichtslos erscheinen mag – und seine Menschlichkeit nicht zu vergessen.